Stefan von Elektrohasch, Spielleiter der Formation COLOURHAZE, ist schon ein eigenwilliger Kopf, wenn es um die Auswahl der Bands für sein Label ELEKTROHASCH geht, aber das genau macht die Veröffentlichungen dieses Labels so spannend. Klar man fröhnt auch dem typischen aktuellen Stonerhardrock und einigen Bluesrockgeschichten mit spacigen Einflüssen, aber immer wieder verirren sich progressive, sehr spannende Bands mit ihren Scheiben ins Programm, um eine davon geht es jetzt.
SGT. SUNSHINE haben allen Anscheins nach schon ein Debütalbum vor "Black hole", welches eine gänzlich andere Richtung einschlägt. Wahrscheinlich straighter und hardrockiger, weniger jammig und psychedelisch abgeflogen wie das neue Stück Musik der schwedisch - südamerikanischen Band.
Zeigt man sich zu Anfang noch ein wenig zeitgemässer in Spiel und Klang, so wird im hinteren Teil die Kunst des Freak Outs angewandt und man zelebriert bluesige, dennoch leicht progressive Heavyrockspielchen, die klingen, als hätten DEEP PURPLE ohne Jon Lord und BLUE CHEER auf Acid zusammen gejammt. Schockt? Aber volle Kanne!
Progressiv und erdrückend psychedelisch ist die Scheibe durchweg. Das machen schon die abgeflogenen Gesangsmelodien und das zwischen hypnotisch - repetativ und verspielt - disharmonisch pendelnde Spiel im Opener "Music sweet master" deutlich. Man denkt modern, aber wenn man unter die Oberfläche ins komplexe Klanggeflecht eintaucht, dann entdeckt man Elemente der hippiesken Freiformmusik, die so um die 40 Jahre auf dem Buckel hat. Ein wuchtiger, aggressiver Bass und ein tosendes Schlagzeug im weiteren Verlauf mit ätherischen Gesangslinien darüber stehen für den aktuellen Stil, den Stonerrock. Doch wieder werden alte Elemente eingeflochten, bluesig, erdig, wenngleich auch durch den Psychewolfgedreht.
Schräg und abgedreht wird es bei "Old man" zuweilen. Zwischen behäbig schleppendem Heavyrock, der modernes Stonerfeeling und Heavypsyche der späten Sechziger verknüpft, komplett abgeflogenen Gesangslinien und eben hektischen, verdrehten, dem Irrsinn verfallenen Ausbrüchen pendelt sich die Band ein. Effektüberladene, rückwärts gespielte Leadgitarren, klassischer Country und Blues, die Liste der verschiedensten Zutaten wird nicht kürzer. Kann das Freude machen oder ist es schon ein zu aufgeblasener Teig? Nun, SGT. SUNSHINE beweisen Methode hinter dem Wahnsinn.
"Dreams of wonder" schlägt erneut eine Brücke zwischen 60ern und heutiger Zeit. Makaberer Doomrock, düster - psychedelischer Stonerrock, ein leicht psychotisches Feelin überall, zusammen mit seelenvollen Melodien ergibt das einen Song, der ebenso eigenwillig wie eindringlich ist.
"Overload" beginnt ruhig und dunkel mit pulsierendem Bass im Hintergrund, dann bricht der Song in einen groovenden Hardrock aus, dem sehr emotionsgeladene Riffs zugrundeliegen. Die Atmosphäre des Stückes ist sehr spannungsvoll, das Spiel entfesselt, jammig, der Sound sehr räumlich. Betörende Soli rauben Dir die Sinne, dann werden die Gitarren wieder peitschend aggressiv. Eduardo Fernandez, der Bandleader und einzig Überlebender des ersten Albums, ist in tiefer Trance versunken und feuert wilde Läufe vom Halse seiner Sechssaitigen. Durch den sehr natürlichen Sound lassen sich sogar Gitarren - und Verstärkermarke bestimmen. Herrlich wie wild und leidenschaftlich er in die Saiten haut.
"Sun tree", da ist der Titel schon sehr spirituell und somit brauchen wir auch ein eher ruhig dahinfließendes Stück. Dem sei hiermit nachgekommen. Psychedelischer Spätsechzigerrock, immer mit leichtem Jazzfeeling und Latintouch, toller Grundmelodie, die zwar nicht spektakulär ist, Dich dafür aber direkt gefangennimmt und einer sehr dichten, brütenden Atmosphäre wird immer gerne gehört. Ein langgestreckter Jam beschließt das schöne Stück Musik.
Dahingehend ist "Monte Azul" dann wieder treibender, etwas spacigerer Heavyrock mit schön fuzziger Gitarre. Der Groove scheint moderner, die Vocals hätten in den 70ern auch anders geklungen, aber die extrem wuchtigen, brodelnden Gitarren sind typisch SF 1968, ich sag nur BLUE CHEER. Oder SIR LORD BALTIMORE 1970, oder GRAND FUNK 1969...wie auch immer. Ein entspannter und doch alles plattwalzender Powerrocker. Einige der Gitarrenläufe könnten direkt aus dem Zeitrahmen 1967 bis 1971 stammen, was dem Song noch mehr Feeling verleiht. Dann sind da wieder aggressive Momente, die auf den Stonerrock verweisen. Ein Pendeln zwischen den Zeiten, ein spannungsvolles Wechselspiel. Killer Wahwahleads sind die Sahne auf dem Marzipankuchen. Auch dieser Song bricht wieder in einen jammigen Part aus, der auf der Bühne sicherlich in langgezogenen, wilden Improvisationen und Freak Outs münden wird. Ein solches Freak Out beschließt "Monte Azul" auch.
"Go out fishing" mit dezenter Rasselpercussion, Congas und akustischen Gitarren ist ein typischer Hippiesong. Man kann das Stück nicht einordnen. Berlin 1968, München 1969, San Francisco 1967, London 1967, wer weiß woher, wer weiß wohin? Irgendwann verschwimmt der Song und mündet in den nächsten.
"Mar Borrascosa" ist schleppender, psychedelischer Rock mit halbverzerrten Gitarren und angenehm entspannter Atmosphäre. Schöne abgeschwebte Leadgitarre dazu, dann passt das. Ab spätestens "Go out fishing" wurde die Scheibe retro, nun sind wir mittendrin. Moderne Anklänge finden sich hier keine mehr. Wir haben den Sprung ins Jahr 1970 geschafft. Der Blues, welcher sich hier dem Hörer eröffnet, ist so herrlich verkifft und verdrogt, daß man automatisch mit davonfliegt.
Und ich muß sagen, daß ich den Schritt vom progressiven Psyche / Stonerrock hin zum abgeflogenen Retropsychedelicsound mit harter Kante durchaus begrüße. Ich bin schon FWAB positiv (FWAB = "Früher war alles besser") und bekenne mich auch dazu.
"Tell me" beginnt wie psychedelischer 67er Beat und gerät dann in einen ausladenden Heavyrock mit Improvisationstouch, der wieder auf bluesiger Basis operiert. Dann kommt ein abgefahrener, betörender Part mit angeschrägtem Ausdruck und schon wieder Heavyrock mit toller Gesangslinie. Ein Wechselspiel eröffnet sich. Sind wir wieder in der Moderne angelangt? Oder nicht? Man kann es nicht genau definieren, eventuell muß ich meine vorhin getroffene Aussage korrigieren. Aber auch vor gut 40 Jahren schon gab es fuzzige, tonnenschwere Momente mit angeschrägtem Ausdruck. Irgendwann kehren SGT. SUNSHINE bei "Tell me" dann zum Psychebeat zurück und lassen den Song ausklingen. Hier stehen sie ganz in der Tradition alter Schwedenkombos wie BABY GRANDMOTHERS und PÄRSON SOUND.
Zum Abschluß gibt es noch einen freakigen, fuzzigen Psychedelichardrock mit einigen abgefreakteren Ausbrüchen und effektüberladenem Gesang, der wieder einen Fuß zurück zur Moderne bewegt, sich dann aber gerade bei den Soli nicht entscheiden kann und lieber beim alten Hardrock bleibt. Ein sehr schönes, intensives Solo über brodelndem Hardrock hier in diesem Song kocht Dir besonders die Birne weich. Im Hintergrund hört man immer wieder frei improvisierte Gesangslaute, die den improvisationellen Charakter des Stückes hervorheben. Ganz große Klasse.
Da hat der gute Herr Koglek sich einen sehr großen Fisch geangelt und wenn alles klappt, werden SGT. SUNSHINE bald schon eine der wichtigsten Genrebands sein. Ich weiß nicht, ob das Debüt noch geiler war, ich weiß nur, diese Freakrockorgie macht mir sehr viel Spaß, insbesondere die Stücke, wo es zurückgeht in der Zeit und doch frisch und furios bleibt.
Autor:
SirLordDoom
Bewertung:
8,5 von 10 Punkten
Weiteres:
Label:
Elektrohasch
Band-Webseite:
www.myspace.com/sgtsunshine
Leserwertung:
9.5 Punkte / 1 Stimmen
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Artikel eingestellt:
03.05.2007
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