Standard oder Avant Garde, das ist hier die Frage. THYRUZ sind Norweger, was man nicht nur vom Titel her erahnen kann, sondern auch an ihrer überpatriotischen Flaggenhandhabung im CD Booklet erkennen kann. Man möchte den Hörer wohl direkt darauf stoßen lassen. Der vielzitierte "Wink mit dem Leuchtturm". Aber nun mal ehrlich, auch wenn die Jungens durchaus Humor haben, was das Bookletfoto des Bassers eingerahmt von Englein wohl unter Beweis stellt, taugt die Musik denn was? Und da kommt der Knackpunkt der Scheibe.
THYRUZ stammen aus dem Freundeskreis der ebenfalls schwarzmetallenen Band NEBULAR MYSTIC, die ich hier in meinen Breitengraden einmal live erleben durfte und für unterhaltsamen, wenngleich standardtreuen Blackmetal der etwas verspielteren Schule, also eher Richtung SATYRICON, ENSLAVEDs schnellere Songs und rohere EMPEROR, halte. Gitarrist Thomas drückte mir gleich nach dem Auftritt ein paar Demos von THYRUZ in die Hand und schon diese waren irgendwie anders. Nun soll das kein NEBULAR MYSTIC Review werden, aber die Band ist trotz aller Standardisierungen mit sehr gutem Material am Start, das irgendwie aufpeitschend und mitreißend wirkt. Da können ihre Freunde THYRUZ doch gar nicht so verkehrt sein, oder?
Man braucht schon wiederholte Durchläufe der Scheibe, am besten jeden Tag zwei - bis drei Mal hintereinander, um irgendwann festzustellen, daß uns THYRUZ mehr zu sagen haben, als nur stetes Satansgeprolle mit klirrenden, eintönigen Riffs und Hyperspeedblasts. Klar kommen solche Zutaten mit in die schwarzmetallische Klangsuppe, quasi um nach außen hin den Schein zu wahren.
Nach einem kaputtlustigen, sehr makabren Intro mit satanisierter Zirkusmusik geht es gleich in die Vollen. Typisch norwegischer Blackmetal zwischen eisigem Gerase und so stampfend tänzelnden Parts schwenkend, hier und dort ein paar verdrehtere, an nordische Tänze erinnernde mittelschnelle Momente einfließen lassend. Die Gitarren schicken dunkle Melodien ins Rennen, die einem zwar wohlvertraut vorkommen, aber dennoch in ihrem bestialischen Ausdruck eine ungeheure Frische offenbaren. Es geht doch. Im Grunde scheinen die Gitarrenläufe ohnehin sehr melodisch, gehen aber im Geklirre von Schlagzeug und Bass etwas unter. Der Gesang ist heiser und doch sehr menschlich, nicht so sehr verzerrt und irrwitzig, aber boshaft und beschwörend. Also doch keine reine Standardband?
THYRUZ sind nicht uneingängig, basteln gerne dunkle, hypnotisierende Grundläufe mit emotionsgeladenen Gitarrenmelodien darüber. Keyboards sind selten vertreten, durchdringen die Klangwand bis zur Songoberfläche eigentlich kaum. Man legt wert auf Abwechslung, auf nachvollziehbare Kompositionen, auf Vielschichtigkeit. Nun ist in den letzten dreizehn Jahren im norwegischen Blackmetal eine Menge passiert und THYRUZ schon fast ein lebender Anachronismus. Sie sind nicht die schnellste und verdrehteste Band, sie sind eine Truppe, die Wert auf Atmosphäre und melodische Themen legt. Die einzelnen Passagen sind durchaus logisch zusammengefügt und bringen die Songs schön in Fluß, lassen den Hörer mitschwingen und so berühren ihn die Songs direkt.
Nach dem Intro und drei eher konventionelleren Stücken wird es mit "Perfect genetic blend" progressiver. Ein hypnotischer Beat am Anfang, klirrende, abgehackte Stakkatogitarren im Progmetalstil, dann jedoch kommen Blastbeats und dahinrollende Hymnenparts mit majestätischem Ausdruck. Voilà, die Brücke zum alten Blackmetal wurde wieder geschlagen. Die Gitarrenleads sind ergreifend, schlicht und schön, wenn man es so will. Aber da sind dann auch andere verspieltere, schleppendere Passagen zwischendrin, die dem Hörer Luft zum Atmen verschaffen. Man schwelgt dahin in dieser entspannten nordischen Stimmung. Nur um erneut von schrubbenden Riffs kurz aus der Lethargie gerissen zu werden.
Sänger Hedin Varf darf dann eine komplett irrsinnige Ansprache zu Ehren Luzifers persönlich halten. Als spiele man eine alte Grammophonplatte ab, so knistert und knackt es, während Hedin mit einem Hauch Betrunkenheit im Stimmfall die Großartigkeit der Hölle propagiert und von seinen Anhängern, wohl seine Bandkollegen, zustimmenden Beifall erhält. Krank? Bescheuert? Aber hallo! Und doch, genau solche humoristischen Züge machen das Album sehr stark.
Nach der Ansprache wird wieder gebolzt und geklirrt. Rein kompositorisch, stilistisch und strukturell gesehen gibt es keine Innovationen auf "Northern blasphemy" zu hören, aber ähnlich geht es ja mit anderen Genres auch, ich sage nur Irish Folk. So sehe ich THYRUZ als frische Band, die sich einer zwar modernen und doch irgendwo traditionsverwurzelten Musik angenommen hat. Man kann auch Standardscheiben mit Feeling machen und genau das ist THYRUZ gelungen, ein unheimlich boshaftes Feeling zu erschaffen, das einige Durchläufe mit Gänsehaut garantiert. Wie rasch sich das Album dann abnutzt, kommt immer darauf an, wie oft man es sich anhört.
Es sind immer diese fast rituellen, volkstanzhaften Passagen, die wieder und wieder auftauchen, für einen Moment Verwirrung stiften und wieder verschwinden. So wird aus gegebenen Stilistika frische Inspiration geschöpft. Ich denke schon, daß man sich die Songs merken kann und die Band eventuell irgendwann wiedererkennt. Ob das schon der Zeitpunkt ist, wo man THYRUZ nicht mehr hören mag, sei mal dahingestellt.
Genau wie NEBULAR MYSTIC, eventuell noch ein wenig ausgefallener, präsentieren THYRUZ ihren Blackmetal arschtretend mit tonnenschweren Eiern, auch wenn innovationstechnisch nicht mehr soviel rauszuholen ist. Aber mir ist eine unverkrampfte Band mit Herzblut erfüllten Songs lieber als Truppen, die auf Krampf unbedingt Neuerungen schaffen müssen.
"Braattsjøers Slag" ist noch ein herausstechender Song mit seinen Wikingerchören, eine schöne Abwechslung, geht gut ins Ohr und von da direkt ins Blut. Dazu dann das zwischen rasant und verspielt pendelnde, melodische "Bleacher creatures", ein mitreißender Hinterntreter. Tja, alles in allem eine angenehme Scheibe, die sicherlich ihre Fans finden sollte. Ich mag sie sehr gerne hören und denke mal, wenn mir der Sinn nach solchem Blackmetal steht, werde ich gerne darauf zurückgreifen. Keine absolute Pflichtplatte, beileibe nicht, aber immerhin ein Album, dasß man sich kaufen und das man liebgewinnen kann. Acht Punkte weil ich hier einen Heidenspaß dran habe.
Autor:
SirLordDoom
Bewertung:
8 von 10 Punkten
Weiteres:
Label:
Twilight
Band-Webseite:
www.thyruz.com
Leserwertung:
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Gelesen:
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Artikel eingestellt:
07.07.2007
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