Thrashmetal, modern, progressiv, atmosphärisch, sehr verworren und spacig, oft atonal und einfach nur brachial, das ist die Welt von GRENOUER, einer nicht mehr ganz taufrischen Band aus St. Petersburg / Russland, die mit ihrer Wucht eventuell sogar den Zarenpalast zum Einsturz bringen könnte. Nun haben sie es auf das ansonsten eher dem aktuellen melodischen Powermetal verschriebene Locomotive Label geschafft und wollen die Welt erobern. Wird es ihnen gelingen? Mit Waffengewalt haben die Russen es immer wieder versucht, vergebens. Die Fußball EM 2008 ist war nach dem Halbfinale für sie aus. Also muß MUSIK her. Und spielen können die Russen, Ideen haben sie, gute Bands allgemein. Also, GRENOUER, was machen wir mit Euch? Die jungen Herren scheinen verdammt wütend zu sein, das gerät schon ab und an zwischen die Frontlinien Thrash und Hardcore. Wären die progressiven und industriellen Einflüsse nicht, würden GRENOUER wahrscheinlich SLAYER im Speedrausch nacheifern, aber man bremst die ab, lässt sie zwischen den Stilen wechseln. Die elektronische Komponente des Industrialdeathmetals und - thrashmetals bleibt ungewöhnlich weit im Hintergrund, taucht oft sogar überhaupt nicht auf. Dafür wummern und tosen die Gitarren lauthals ihre deftigen Akkorde aus den Boxen, gerne sehr wellenhaft wogend, was für den Neothrash der 90er Jahre typisch war. Man gibt sich hier dementsprechend beeinflußt. FEAR FACTORY, MACHINE HEAD, SEPULTURA. Aber die Russen klauen nicht einfach drauflos, sie verarbeiten die Inspirationen der Altvorderen in diesem Genre zu eigenen Ideen.
Ein Stück wie "Away from now" fällt dabei weitestgehend aus der Rolle. Es sind atmosphärische, sehr melodische Rockstrukturen mit einigen derb schrammenden Riffs der alten US Neothrash Schule, Keyboards im Hintergrund, räudigem, aber melodisch gebliebenem Gesang. Vor Jahren hätte ich spätestens hier ausgemacht, aber man entwickelt sich ja.
Die Band baut auf einen unheimlich kraftvollen Groove, lässt den modern metallischen Anteil über die Elektronik siegen, wobei diese auch teilweise nahe an die Oberfläche kommt und das Inferno perfektioniert. Daß GRENOUER dabei dann noch irgendwie melodisch bleiben ist schon eine Kunst für sich, aber sie schaffen es.
Mich persönlich spricht hierbei der Ausdruck von Maschinenmusik an, der trotz aller Kälte und technischer Präzision den lebendigen Arbeiter an dieser musikalischen Industrieanlage in den Vordergrund stellt. Ohne zumindest einen Hauch von Leben, von pulsierender Biologie, keine Maschinenmusik.
Gut, ich habe nun die meisten hier vorgetragenen Ideen, Strukturen und Passagen schon irgendwo einmal gehört, mehr oder minder vergnügt dabei (meistens minder). Aber in keinem Subgenre des Metals, des Rocks, des Jazz oder sonstwelcher Stilrichtungen ist es noch möglich, gänzlich neue Tonverbindungen zu schaffen. GRENOUER sind im Grunde eine Retroband, die sich auf die Jahre zwischen 1992 ("Soul of a new machine" von FEAR FACTORY) und 1994 ("Burn my eyes" von MACHINE HEAD) besinnt. Dazwischen liegen MINISTRY, SEPULTURA, CYNIC, ATHEIST und TREPONEM PAL. So gesehen sind sie absolut retro. Aber sie haben eine unheimlich frische Art und bestialische Wut in ihrem Sound.
Meinen persönlichen Geschmack treffen sie nicht ganz, aber ich teste mich gerne mit einer solchen Scheibe, nicht nur einmal wohlgemerkt. Man darf eben nicht mit traditionellem Gedankengut an die Geschichte herangehen.
Ich bemerke wieder und wieder tolle Gitarrenläufe abseits aller Genredogmen, peitschende, eindringliche Riffs, einfach nur gute Krawallsongs mit Seele. Darauf lass ich mich ein. Es ist möglich, daß mich die Band irgendwann total annervt, aber für den Anfang ist es interessant.
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