SHIZOEY - Lineaments

SHIZOEY - Lineaments

Das Intro täuscht. Dieser instrumentale Abritt auf doomigem und psychedelischem, zeitgemässem Heavyrock ist nur ein kleiner Aspekt der musikalischen Welt dieses österreichischen Powertrios. Es geht mit "Diving for something" weiter und es offenbaren sich einige stilistische Einflüsse.

Der Gesang allein ist schon zweigeteilt, eher melodisch und leicht verzweifelt in den Strophen, zornig und rau im Refrain. Die Gitarren zaubern betörende psychedelische Melodien und knallen  wuchtige Riffs umher, die Rhythmuscrew tänzelt und groovt hypnotisierend.

"Loco" führt den Wahnwitz voran. Die Strophe ist wütender Heavyrock, ein Umhergespringe und Ausgeflippe mit deutlich punkig - hardcorigem Hintergrund, jedoch auf Stoner / Heavyrock Basis. Schnellen Vierviertel sucht man also vergebens, hier wird gegroovt und gerockt. Der Refrain ist eher emotional, etwas ruhiger. Irgendwo in der Songmitte auf mystisch dunklem Basslauf und flippigem Beat gibt es ein Acidgitarrensolo in bestem Freakout Stil.

Wie führen sie die Scheibe weiter voran? "Lesson to learn" ist ruhig zu Anfang, hat einen entspannten Einschlag von altem 60er Psychedelicrock der amerikanischen Westküste, verzauberndem Indiefolkrock der 90er und etwas Acidrock aus der Garage, auch wieder 60er. Grunge? Dieses Wort will mir nicht über die Lippen, auch wenn einige Seattle Acts sicher ähnliche Momente aufgefahren haben. Nein, der Song erinnert mich an meine liebste Indieband der 90er, NUDESWIRL. Versponnene Traummelodien, leidenschaftliche Sologitarren, ein jammiges Feeling mit 60er Spirit und aktueller Frische.

Ich bin ob des Sounds dieser Österreicher recht angetan. Kaum einer Band ist diese bezaubernde Atmosphäre nach NUDESWIRL wieder aus den Händen geflossen. Indierock der 90er, ja, auf diesem Level gerne. Ab geht es nach "St. Anton". Ein flippiger Beat, der mich an 80er Waverock und Indiesounds erinnert, eine flippige Wah Wah Gitarre, dann ein krachender Akkord und ein Schwenk auf treibenden Spacehardrock, der sich des 70er Weltraumrocks als Inspirationsquell bedient und diesen durch ekstatisches Gitarrenspiel noch feuriger klingen lässt. Die Leadgitarren hier peitschen nicht alleine, sie scheinen schier zu explodieren. Du gerätst beim Hören in Trance, wirbelst mit der Musik umher. Genial dabei sind die grandiosen Melodien, die einen erheblichen Wiedererkennungswert mit sich tragen. Der Song kehrt zum ursprünglichen 80er Indierock mit Wah Wah Gitarre zurück und flippt dann herrlich ab zum Ausklang.

Die Bandhymne hat ein schönes, heroisches Hardrockriff am Anfang und könnte doch ein toller, mitreißender Heavyrocker werden. Nein, es kommt anders. Die Strophe wird mit unverzerrten Offbeat Gitarren und treibend tänzelndem Beat in die alte Indieecke gedrückt, die harten Gitarreneruptionen im besten US Alternaheavyrockstil, magisch mystische Riffübergänge, ein bisserl Ska und freakige Melodien treiben das Stück in verschiedene Richtungen. Der Song wirkt irgendwie irre und zerrissen und das soll so sein, denn "SCHIZO" ist im Titel ja bereits mit drin.

Hab ich das sehr intensive und auf den Punkt genaue Zusammenspiel des Trios bereits gelobt? Die Burschen sind sehr inspiriert, voller Leidenschaft und Kraft.

Heavyrock mit Hardcoregeschrei darüber bietet das zermalmende "Black stones" bis zum Teil mit der unverzerrten Gitarre, der eher nachdenklich stimmt und eine schöne Melodie mit sich trägt. Dann geht es zurück zur extremen Wucht und Kraft. Der besinnliche instrumentale Westcoastpsychedelicrock und der eruptive Hardcorerock schaffen eine unheimliche Dynamik. Hab vor Jahren solche Musik nie ernsthaft für meinen privaten Hörgebrauch in Erwägung gezogen, aber man wächst ja mit der Zeit spirituell. Die Leadgitarren im wuchtigen und doch schwebenden Mittelteil jaulen und brodeln mystifizierende, dunkle Harmonien. Ach,  nicht Mittelteil, Endteil. Egal...wuff...

"Dead baby" ist funky, 70er Funk mit Wah Wah Gitarre, eine Menge Punk und ja, sogar dieser punkige Grungesound der frühen 90er sind darin enthalten. Und das Stück ist intensiv, kraftvoll, aufwühlend emotional, hypnotisch groovy. So lass ich mir das gerne gefallen. Das ist kein Weltschmerzgeheule von frustrierten Mittelklassekids ohne Perspektive, das hier ist pure Leidenschaft und Inspiration. Auch hier wieder ein besonders gelungenes Zusammenspiel der Musiker, völlig entfesselte Leadgitarren und locker groovige bis hektische Rhythmen, die Dir Feuer unter dem Arsch machen.

"In my dreams" hat einen Hüpfgroove, einen aggressiv monotonen Strophenteil, einen cool rockenden Refrain und mag einen zuerst mit der Faust auf die Nase und in die Magenkuhle treffen, kann jedoch allein durch den Refrain schon wieder Punkte einfahren und ist als monotoner Noiserocker gut, zudem recht kurz.

"Flow" als psychedelisch angehauchter Acidindierock entschädigt. Wobei der ruhige Fluss durch aggressive Eruptionen immer wieder aufgewühlt wird. Erinnert ebenfalls an das, was irgendwann Grunge wurde, die kaputten, irren Soli, die Bassläufe. Es ist überverzerrter Fuzzrock aus der MUDHONEY Schmiede, den ich da hören kann. Punk und Acidrock, Acidpunk. Es herrscht ein natürlicher, lockerer Fluss der Songstrukturen vor, es sind wilde Ausbrüche und entspannte Abritte zu vermerken. SHIZOEY sind eindeutig von den Amibands der späten 80er und frühen 90er beeinflusst worden, welche dann zum Trend mutierten und die 90er zu einer Horrorzeit gemacht haben, aber SCHIZOEY spielen solche Sounds mit viel Sinn für packende Kompositionen, mit großen Gefühlen, sie lassen ihre Magie fließen.

"Oriental dream" hat dann eine orientalische Gitarrenmelodie und ist feinster groovender Space - und Psychedelicrock mit wilder Gitarre.  Du schwebst auch ohne Drogenimput in ganz anderen Sphären. Die Gitarrenmelodie ist nun schon unverschämt typisch orientalisch, aber die Wirkung macht es und die besessen anmutende Spielweise des Klampfers holt eben alles raus. SHIZOEY spielen hier in wenigen Minuten den ganzen kommerziellen Dreck der 90er mit einer Lockerheit an die Wand, welche schon damals Seltenheitscharakter hatte. Ein wenig MONSTER MAGNET scheint hier einzufliessen.

Oh, gewiss, SHIZOEY sind keine Innovatoren, damit ist es wohl vorbei, sie sind Alternativetraditionalisten, die vom alternativen Acidrock der 60er zum 80er Postpunk und Indierock und zum spacig eruptiven Grunge der 90er die Brücken schlagen und die besten Elemente mit ihren eigenen Inspirationen zu frischen, furiosen Songs verbinden.

"Empty eyes" hat einen kurzen, geheimnisvollen Anfang, dann wird es laut und entfesselt, bringt Hardcore, Punkrock, Heavypsychedelic und alle von den Musikern aufgesogenen Lehren der musikalischen Vorbilder in tosenden Riffs und betörenden Melodien zum Tragen. Die Solopassage wirft Dich förmlich zu Boden und mit unbarmherziger Wut trampelt die Band dann auf Dir rum. Ein Gitarrenflippen zum Ende hin, Bass und Schlagzeug wirbeln umher, BAMM, Ende.

Nun wird noch mit verstörenden Melodien ein wenig der schräge Indierock mit 70er Weltraumprog vermengt, das Outro ist da, die Scheibe ist vorbei und ich bin froh, dass ich sie habe hören dürfen. Das hier ist echte und leidenschaftliche Musik, das hier ist inspirierte Musik und wirklich gute Musik um der reinen Musik willen. Es ist Rock der nicht an den klassischen Vorbildern aus AOR, Hardrock und Metal orientiert ist, aber dennoch eine lange Tradition in sich trägt. Es ist magisch, mystisch und es reißt Dich mit, wenn Du Dich nur darauf einlässt.

Bei Amazon suchen! Bei blackscaped.de suchen! 01. Intro
02. Diving for something
03. Loco
04. Lesson to learn
05. St. Anton
06. Shizoey
07. Black stones
08. Dead baby
09. In my dreams
10. Flow
11. Oriental dream
12. Empty eyes
13. Outro

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Zu dieser Rezension:

Autor:
SirLordDoom

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9,5 von 10 Punkten

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Label:
World In Sound
Release:
20.06.2010

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Artikel eingestellt:
20.06.2010

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