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COPPELIUS - Zinnober

COPPELIUS - Zinnober

Erst „Tumult“, jetzt „Zinnober“ – still und leise kann es einfach nicht bleiben, wenn die Herren von COPPELIUS ein neues Werks vorstellen. Nachdem die Veröffentlichung von „Tumult“ im Frühjahr 2009 nun bereits 1,5 Jahre her ist gibt es endlich Nachschub für die Freunde des gepflegten Kammer Core.

Zwar ist den 15 Songs wieder ein Intro vorangestellt, jedoch ohne gesprochen Text und auch auf ein Nachwort, wie es auf den vorangegangen Alben vorhanden war, wird dieses Mal verzichtet. Statt dessen hört man Bastille beim Putzen, ganz wie man es vom Beginn der Konzerte kennt. Fließend geht das Intro in den ersten Track über, Bastille pfeift die Melodie des Stücks fröhlich vor sich hin, bevor sie von den Instrumenten, allen voran der Klarinette, aufgegriffen wird. „Diener 5er Herren“ berichtet vom vollgepackten Arbeitsalltag des dauerbeschäftigten Butlers, dem die Herren kaum ein paar Minuten Freizeit gönnen - Mit dem vermissten Zylinder wird auch auf die Ereignisse im letzten Jahr angespielt, in dem der Band tatsächlich einer der Zylinder, die zur charakteristischen, eleganten Bühnenbekleidung gehören, abhanden gekommen war. Bereits in diesem ersten Song breitet sich die typische COPPELIUS-Atmosphäre vor dem Hörer aus und die liebgewonnenen Elemente, die schon die letzten beiden Platten auszeichneten, finden sich auch auf der neuen Scheibe wieder.

Das nächste Stück erzählt in flottem Tempo die Geschichte eines Duells, das letztendlich nicht ausgetragen wird, da der Protagonist verschlafen hat. Es beginnt mit verzerrt-gequälten Klängen, bevor sich aus dem angespannten Klangmix der schnarrende Klang des Cellos hervorhebt, der hier zusammen mit dem powergeladenen Schlagzeugfundament lange Zeit dominant bleibt; erst ab Mitte des Stücks werden auch die Klarinetten verstärkt eingesetzt. Einige Momente darauf sind zwei kurze Pausen zu verzeichnen, bevor das Stück wieder mit voller Wucht voranprescht.

CoppeliusOb es wohl Zufall ist, dass die edle Dame, um deren Willen das Duell ausgetragen werden soll, in „Der Handschuh“ den Namen Kunigunde trägt, wie es auch in der gleichnamigen Ballade von Friedrich Schiller der Fall ist, oder ist das eher der Tatsache geschuldet, dass der Text des Stückes von der Mercherin „Kunigunde van Heller“ verfasst wurde?

Im Vergleich dazu ist „I told you so“ als Midtempostück beinahe schon gemächlich: Es erinnert an „Surely“ vom ersten Album „Time-Zeit“ und beginnt mit rhythmischen Percussionklängen. Im Verlauf ändert es mehrmals seinen Charakter, so wirkt es im Refrain beinah sehnsüchtig, bis die Klarinetten mit ihren spielerischen Melodien für einige Zeit in den Vordergrund rücken.

Sehr schön sind auch die Zeichnungen, die im Booklet die Texte illustrieren. So ist neben dem Text zu „I told you so“, in dem eine sehr pflegeleichte Frau besungen wird, eine Puppe auf einer Klippe abgebildet. Parallelen zu E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ finden sich hier insofern, dass der Protagonist der Geschichte sich dort unwissend in eine Puppe verliebt und unter anderem sehr davon angetan ist, wie geduldig sie ihm zuhört.

Deutlich härter und rockiger als das vorangegangene Stück setzt „Risiko“ ein, diese Härte bleibt aber hauptsächlich im Refrain bestehen, wo das Stück ein wenig an den MEGAHERZ-Song „Herz aus Stein“ - Ein Thema, zu dem es übrigens auch eine Erzählung von E.T.A. Hoffmann gibt – erinnert. An dieser Stelle ist der Gesang mehrstimmig, zwischenzeitlich nimmt er auch leicht psychedelische Züge an. Die Melodie verleitet schnell zum mitsummen und die leisen Hintergrundgespräche illustrieren die dargestellten Situationen, in denen der Hörer dazu aufgefordert wird, doch etwas mehr Risikobereitschaft an den Tag zu legen und auch einmal ein Wagnis einzugehen. Definitiv einer der Hits des Albums!

Gleich wieder eine Abwechslung zu den raueren Klängen bildet „Gumbagubanga“, das die Geschichte eines Zauberers erzählt, der noch ein letztes Mal die Sonne in der Nacht zum scheinen bringen möchte. Sein häufig wiederholter Name mutet ein wenig wie eine Voodoobeschwörungsformel an, was durch den gleichmäßigen Singsang-Rhythmus noch unterstützt wird, ansonsten besticht das Lied besonders durch schöne Melodielinien und seinen Groove.

Locker leicht kommt das Stück „Damen“ daher. Das Gerüst schafft auch hier der Kontrabass, der immer wieder deutlich herauszuhören ist, wodurch sich eine angenehme Spannung zwischen den dunklen Streichinstrumenten und dem hellen Klang der Klarinetten herausbildet. Eine Stärke des Sextetts ist auch die Vielseitigkeit durch kontinuierliche Sängerwechsel. Vier der Herren sind regelmäßig am Mikrofon vertreten, keinem davon kann man das Gesangstalent absprechen und der Gesangsstil variiert dabei jeweils, so dass die Band für jedes Lied die passende Nuance auswählen kann.

„Der Feuerwehrmann“ ist mit etwas über 4:30 Minuten das längste, leider aber auch das schwächstes Stück des Albums, obwohl das Cello hier wunderbar zum tragen kommt und teilweise mit mehrstimmigem Gesang gearbeitet wird. Positiv anrechnen muss man der Band jedoch die Themenwahl, überhaupt gelingt es COPPELIUS immer wieder, Themen anzuschneiden, die noch nicht zu oft musikalisch aufgearbeitet wurden.

Coppelius

Morbider wird es von den Lyrics her mit den nächsten beiden Tracks. „Nachtwache“ beginnt dabei rockiger, als es so manch andere Formation mit e-Gitarren schafft, behält sich aber trotzdem etwas von der Extravaganz bei, die den coppelianischen Klängen zumeist anhaftet. Die ist auch in „Stetig fromm“ gegeben, in dem es wieder ruhiger wird. Hier gesellt sich noch ein Cembalo zu dem bestehenden Instrumentatium, das gerade mit den Streichinstrumenten exzellent harmoniert und den kammermusikalischen Aspekt der Musik noch etwas unterstreicht.

Mit dem neuen Album lösen sich COPPELIUS weiter von literarische Sandmann-Vorlagen, die auf dem vorigen Album noch mehrmals für Inspiration gesorgt hatte, ganz aus dem Blick gerieten die Werke E.T.A. Hoffmanns jedoch nicht. So geht das 11te, sehr lebhafte Stück des Albums, „Klein Zaches“, auf das 1819 veröffentlichte Kunstmärchen „Klein Zaches – genannt Zinnober“ zurück. Auch der Albumtitel dürfte wohl, zusätzlich zu der grundsätzlichen Bedeutung des Wortes Zinnober, durch das Märchen inspiriert sein. In der Geschichte bekommt der hässliche, unbegabte Klein Zaches von der Fee Rosabelverde die Gabe, dass er „allseits für einen hübschen und verständigen Menschen gehalten“ wird, und ihm alle Leistungen, die ein anderer in seiner Gegenwart vollbringt, zugeschrieben werden. Das Lied bezieht sich auf die Stelle, an der der Zauber aufgehoben wird und die Menschen um ihn herum Zaches wieder so sehen, wie er wirklich ist und dementsprechend ablehnend reagieren. Das resultiert in einer musikalisch komplexen und trotzdem, oder gerade deswegen, griffigen Umsetzung, in der immer wieder unterschwellige Aggressivität auflodert - Mit seinen vielschichtigen Facetten ist das Stück ein hervorragendes Beispiel für die Eigentümlichkeit des gesamte Albums.

Noch eine neue Perspektive fügt „Ein Automat“ dem Gesamtbild hinzu: Das herrliche Rock 'n Roll-Stück lockert die Atmosphäre nach dem etwas sperrigen – sperrig an dieser Stelle jedoch nicht negativ gemeint - Vorgängerstück wieder deutlich auf. Es groovt gut gelaunt dahin und sorgt dafür, dass auch gegen Ende auf der nahezu 55 Minuten langen Scheibe die Aufmerksamkeit gefesselt bleibt.

Danach erwarten den Hörer kirchlichere Klänge, so findet sich doch auch ein nur knapp über eine Minute langes A-Capella-Stück auf dem Album wieder, wie es bereits auf „Tumult“ mit dem jedoch noch deutlich kürzeren „Mondeslicht“ der Fall war. Im Gegensatz dazu ist „Vergessen“ jedoch lang genug, um tatsächlich als eigenständiger Track durchzugehen. Der mehrstimmige Gesang hallt stark, als ob das Lied tatsächlich in einer Kathedrale zum besten gegeben worden wäre und passt bestens zu dem schwermütigen Text.

Auch einer weiteren Tradition bleibt die Band treu: Abermals findet sich ein IRON MAIDEN-Cover auf der Scheibe. Dieses Mal ist es mit „Genghis Kahn“ ein Instrumental, dessen Musik ursprünglich vom Bassist Steve Harris geschrieben wurde. An dieser Stelle muss man der Band wirklich ein Lob aussprechen: Wie schon bei den vorigen Coverstücken gelingt die Adaption des 1981 auf dem Album „Killers“ erschienenen Klassikers hervorragend, so dass die Neufassung im Klarinettengewand deutlich frischer klingt, als das Original.

Schon seit geraumer Zeit ist „Coppelius hilft!“ das Motto der Band, nun hat es der Spruch zu einem eigenen, durchaus selbstironischen Lied gebracht. Einmal mehr finden sich hier wunderbare, flotte Klarinettensoli in Abwechslung mit den Strophen, die vorwiegend vom getragenen Klang der Streicher geprägt werden, um gleich darauf von skurill-schrillen Klängen abgelöst zu werden. Ein Stück, dass sicherlich auch gerade live zu einiger Beliebtheit gelangen wird, nicht zuletzt durch das auf der Bühne so herrlich in Szene gesetzte Triangelspiel.

Den Ausklang findet die CD mit „Ade mein Lieb“, der Interpretation eines traditionellen Volkslieds. Ruhig, beinahe schwermütig tönen die Klarinetten hier aus dem Lautsprecher. Das Stück wirkt zu Beginn, als der Gesang vornehmlich umrahmen wird, geradezu filigran, später gewinnen die Instrumente dann an Einfluss und der Sound wird deutlich breiter und epischer. „Und geh ich auch, ich kehr zurück“ ist jedenfalls ein Versprechen am Ende des Albums, das man nur zu gern beim Wort nimmt.

Coppelius„Es ist nicht nett, unser neues Album als unsinnigen Firlefanz abzutun. Aber es trifft die Sache ganz gut …“, so heißt es im Pressetext von Comte Caspar. Unsinnig? Ganz und gar nicht! Außergewöhnlich dagegen sicherlich, und das ist gut so.

Das Scheibchen ist insgesamt besser gelungen als der Vorgänger, die Musiker holen mehr aus ihren Instrumenten heraus und auch die Grundstruktur der Songs wird deutlich öfter und stärker variiert. Durch die Ecken und Kanten wird das Ganze fassbar; die Mischung aus Komplexität und Eingängigkeit ist den Berlinern außerordentlich gut gelungen. Die Songs haben Pep; sie wirken frisch, sind vielschichtig und abwechslungsreich, bewahren dabei aber immer ihren ureigenen Coppeliussound. Freunde der bisherigen coppelianischen Werke können hier nicht nur bedenkenlos zugreifen – sie sollten es definitiv tun, und auch wer die Band noch nicht kennt sollte hier eindeutig mal ein Ohr riskieren.

 

(Pressefotos von Ingo Rast)

 

Anspieltipps:

Risiko

Gumbagubanga

Klein Zaches

Bei Amazon suchen! Bei blackscaped.de suchen! 01. Intro
02. Diener 5er Herren
03. Der Handschuh
04. I told you so
05. Risiko
06. Gumbagubanga
07. Damen
08. Der Feuerwehrmann
09. Nachtwache
10. Stetig Fromm
11. Klein Zaches
12. Ein Automat
13. Vergesssen
14. Genghis Khan
15. Coppelius hilft!
16. Ade mein Lieb

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Zu dieser Rezension:

Autor:
Kolyma

Bewertung:
8,5 von 10 Punkten

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Weiteres:

Label:
Fame Recordings
Band-Webseite:
www.coppelius.eu
Release:
29.10.2010

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2379 x

Artikel eingestellt:
26.10.2010

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