NECRONOMICON - Haifische

NECRONOMICON - Haifische

Necronomicon

40 Jahre nach dem Debüt "Tipps zum Selbstmord" hat die deutsche Hardrock / Progrock Band NECRONOMICON ein zweites Album mit vier langen Stücken veröffentlicht, die in den 70ern bereits geschrieben, aber zumeist unvollendet gelassen worden sind. "Wiegenlied", zweites Stück auf diesem Album, kenne ich in einer 72er Demoaufnahme als Bonusstück für eine CD Wiederveröffentlichung von "Tipps zum Selbstmord", wobei die neue Version deutliche Unterschiede aufweist, alleine vom Klang.

Aber NECRONOMICON aus Aachen, die übrigens noch 15 Jahre früher als die süddeutschen Thrasher am Start waren, legen erstmal mit "Wann kommt der Tag" einen sehr schönen, nachdenklich stimmenden Symphonichardrocker aufs Parket, bei dem die Gitarren von Norbert Breuer und Walter Sturm sich in schönen Melodien ergehen und lassen die Leadgitarre über einen großen Teil der Dauer dieses Stückes feine Harmonien spinnen. Helmut Herzog, neuer Tastenmann seit der Reunion 2010 legt satte Orgelteppiche aus und verdichtet die Atmosphäre, lässt eine feierliche Stimmung aufkommen, übernimmt bei einigen verspielteren Passagen auch kurzzeitig die Führung. Einflüsse klassischer Musik sind präsent, auch ein wenig volkstümliches spanisches Flair, im weiteren Verlauf des langen Instrumentalabschnitts, der nach feurigem Flamencotanz in einen sanftmütig dahinfließenden Part abdriftet dessen unbekümmert tänzelnder Rhythmus für die dicht gesponnenen Melodien aus Gitarren und Orgel eine fruchtbare Basis ist. Und so geht es hier weiter zu, bis der ursprüngliche Gesangspart wieder beginnt. Entspannt wirken NECRONOMICON hier auf diesem Song, wobei er eine unheimliche emotionale Intensität mit sich führt. Fast elf Minuten sind natürlich für solch ein Stück eine lange Dauer, aber das Schwelgen in den üppigen Melodien und das Mitverfolgen der dynamischen Passagenwechsel lässt sie wie im Flug vergehen und nach mehr verlangen.

Textlich gehen die Herren NECRONOMICON hier recht eindeutig sozialkritisch und dabei nachdenklich weltumfassend vor. Ihre Gedanken sprechen sie in deutlicher Sprache aus, sehr geradeweg von der Leber. So auch im zweiten Stück, "Wiegenlied", welches mit einer unheimlich betörenden, nur auf akustischer Gitarre und Gesang, erst ein - dann zweistimmig, basierender Einleitung und sarkastischem Text die Aufmerksamkeit fesselt. Diese dunkle, alles durchdringende Melodie verklingt und ein sehr friedvoller, üppig prächtiger Symphonicrock übernimmt, lässt Dich in seinen farbenfrohen Melodien schwelgen und bricht urplötzlich unter einem sehr kräftigen, hymnischen Orgelhardrock zusammen, der auf einen eigenwilligen Marschrhythmus über den Hörer hinwegrollt. Meine liebe Freundin Jana, die ich bei einem Testhören dieses Albums dabei hatte, fing regelrecht an wie ein kleiner Wirbelwind umherzufegen, was für dieses Lied spricht und fürwahr, selten habe ich einen so kraftvoll aufgebauten Song gehört. Die Arrangements sind sehr dicht, wobei alles doch geradeaus gerichtet ist und selbst bei verspielteren Momenten immer nachvollziehbar bleibt. Nun gut, ein wenig des ungeraden, leicht verschlungenen Taktes muss dann noch sein, bevor eine schöne, feierliche Orgel wieder in einen verträumten melodischen Part hinüberleitet. Die Leadgitarre singt mal klar und unverzerrt, dann wieder kraftvoll mit Wucht ihre Harmonien, das Schlagzeug setzt ein und gibt dem Stück wieder etwas mehr Fahrt. Voll der Sehnsucht sind die Gefühle, die mich bei diesen Melodien beschleichen. Die 1972er Demoversion war schon eine Macht, aber die Neuaufnahme mit wirklich passendem, lebendigem und doch druckvoll klarem Sound ist noch grandioser.

Der Klang des Albums insgesamt ist hervorragend, transparent in allen Aspekten und doch so natürlich, als spiele die Band in Deinem Wohnzimmer. Das macht schon eine Menge aus. Nun wechseln wir zum dritten Stück, dem durchaus progressivsten und verspieltesten Song auf diesem Album, der aber neben seinen episch großen Momenten wie in der Einleitung auch auf entspannt und locker dahingroovenden Melodicrock zurückgreift. Der eigentliche Gesangspart mit seinem utopisch hippiesken Text basiert auf donnerndem Bombasthardrock und sanften, melancholischen Einlagen, bei denen Leadgitarre und Orgel feine Läufe spinnen. Das Zusammenspiel von Gesang, Orgel und Gitarren ist hier sehr intensiv, wenngleich nur das gespielt wird, was hier auch wirklich notwendig erscheint. Aber genau deswegen ergreift es Dich als Hörer. Wieder setzt ein schön lockerer, treibender Rhythmus ein, der an Tanzmusik der 70er erinnert, wären da nicht die Teppiche aus Orgel und Gitarre und der markante Gesang, dessen textlicher Inhalt nicht selten die alten TON STEINE SCHERBEN Platten ins Gedächtnis ruft. Diese Mischung zu erreichen ist eine große Kunst, welche eine Rockband erstmal beherrschen muss. NECRONOMICON beweisen hier, welch gute Hand für Dynamik sie besitzen. Hardrock, epische Passagen, ein latent folkiges Feeling, symphonischer Rock, melancholisch Balladeske Einlagen, schwebende Momente kommen im fliegenden Wechsel. Mit den Texten muss man klarkommen, aber wer sich für deutsche Rockmusik aus den 70ern interessiert wird irgendwann auf die SCHERBEN, FLOH DE COLOGNE oder IHRE KINDER stossen und nach einer kurzen Phase der Gewöhnung liebt man es.

"Epilog" ist dann der Ausklang des Albums, symphonischer Hardrock mit klassischen Einflüssen, der an leichtfüssigere THE NICE, die holländischen TRACE und EKSEPTION und diverse italienische Bombastprogger erinnert. Insgesamt könnte "Haifische" mit Gesang auf Italienisch eine vergessene Perle der mediterranen Progressivszene sein, vielleicht das Comeback der grandiosen METAMORFOSI. Aber nein, NECRONOMICON sind und bleiben einfach nur sie selbst und haben eben diesen Hang zum Schwelgerischen auf "Haifische". Das ist groß, das berührt, das reißt Dich mit. Und das beweisen anscheinend auch die aktuellen Auftritte der Gruppe, welche Fans aus inzwischen drei Generationen begeistern. Ich möchte dieses Album nicht als Alterswerk bezeichnen, NECRONOMICON klingen durchaus noch hungrig und leidenschaftlich, wenn auch eben etwas entspannter, doch das kann auch am Sound liegen. Alles hier ist markant, alles ist einprägsam und schon fast überladen mit Charisma, allerdings auch mit Pathos.

Doch wer schwelgen möchte, der kann dies tun mit diesem Album, welches von der Band selbst verlegt wurde. Es gibt eine wunderschöne LP im sechsfach aufklappbaren Cover, die das Artwork der ersten Platte neu aufgreift, allerdings in farblicher Umkehrung und nebenher als Bonus noch eine CD mit allen vier Songs bei sich trägt, falls man "Haifische" auch mal im Auto respektive daheim in einem Stück genießen will. Ein Bildchen habe ich oben nochmal eingefügt, damit Ihr von der Pracht dieses Vinyls einen Eindruck erhaltet. www.necronomicon-1972.de ist die Bandwebsite, dort sollte man am ehesten ein Exemplar erhalten, ansonsten sind die bekannten Händler im Internet gefragt.

Bei Amazon suchen! Bei blackscaped.de suchen! 01. Wann kommt der Tag
02. Wiegenlied
03. Wenn die Menschen wie Tiere wären
04. Epilog

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Zu dieser Rezension:

Autor:
SirLordDoom

Bewertung:
9 von 10 Punkten

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Label:
Necronomicon
Band-Webseite:
www.necronomicon-1972.de
Release:
22.12.2012

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1636 x

Artikel eingestellt:
06.11.2013

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