OMDULÖ - Menschenmaler

OMDULÖ - Menschenmaler

Die junge Altenburger Paganfolk-Band OMDULÖ erntete ja bereits mit ihrer Debut-EP „Waldgeboren“ in der einschlägigen Szene durchweg positive Reaktionen, und konnte auch mit ihren Auftritten bei großen Festivals wie dem WGT oder dem Festival Mediaval ihre Zuhörer begeistern. Bei letzterem konnte das Quintett 2010 sogar den durch Publikums- und Juryvotum vergebenen Nachwuchspreis in der Sparte Mittelalterfolk/ Spielleute einheimsen.

Eigentlich hätte bereits zu diesem Zeitpunkt das neue Album der Band veröffentlicht werden sollen, doch durch einige Pannen verzögerte sich das Erscheinen bis in den Januar diesen Jahres. Doch nach Soundkartenabstürzen und Postwirrungen halte ich das „Menschenmaler“ betitelte Werk nun endlich in den Händen. Und schon auf den ersten Blick lassen sich Unterschiede zum Vorgänger erkennen: Im Gegensatz zu dem fröhlichen Grün in dem das Booklet des Erstlings gehalten war, herrschen diesmal braunrote Erdtöne vor, und während sich die Bandmitglieder bei „Waldgeboren“ noch teilweise hinter Bäumen und Büschen versteckten, so treten sie dieses Mal recht prominent in Erscheinung. Daß dies durchaus so gewollt ist, stellt man sehr schnell beim Lesen der begleitenden Informationen fest: Denn im Unterschied zum Vorgänger, der nach dem Prinzip „Chaostheorie“ funktionierte (siehe dazu unser Interview mit der Band), liegt dem neuen Werk ein durchgehendes Konzept zugrunde, eben das vom „Menschenmaler“, der Bilder vom Menschen durch Musik und Klänge zeichnet“, so die Band.

Doch so ganz allein auf Musik und Klänge will man sich dann doch nicht verlassen, und so wildert man textlich genüßlich in Werken der Weltliteratur: Beginnend mit dem Titeltrack, einem rezitierten Absatz aus der Vorrede von Schillers Räubern, ist dann das erste wirkliche Stück „Lulu“ eine Anspielung auf die Titelheldin aus Frank Wedekinds gleichnamiger Tragödie, genauer gesagt deren ersten Teil „Erdgeist“. Und diese Gestalt stand auch Pate für die Musik: Zunächst vernimmt man mit Didgeridoo, Maultrommel und tiefen Flötentönen recht erdige Klänge, die dann in einem ekstatischen Ausbruch gipfeln, der ein wenig an die rhythmischen Tänze und Gesänge einiger nordamerikanischer Indianerstämme erinnert.

Weiter gehts mit den Elfenmajestäten „Oberon und Titania“ aus Shakespeares Sommernachtstraum: Mystische Percussion- und Didgeridooklänge und eine hypnotische Drehleiermelodie lassen wie schon auf „Waldgeboren“ deutliche Anklänge an die an die Kollegen von OMNIA erkennen, ja klingen sogar mehr nach den Niederländern als diese selbst, zieht man deren musikalischen Wandel auf dem letzten Album in Betracht.

Im folgenden „Atlantis I“, erzählt eine Sprechstimme, begleitet von Wassergeräuschen, dumpfen Trommelschlägen und einer getragenen Weise auf der Flöte, von der Sehnsucht der Menschen nach dem, für sie unereichbaren, in den Tiefen des Meeres versunkenen Reich. Ein wenig wirkt das Stück wie die Einleitung zum folgenden Instrumentalstück „Atlantis II“, einem lebhaften und fröhlichen Tanz, der, so die Band, ein wenig das Gefühl der Atlanter verkörpern soll, die vielleicht ganz froh sind nicht gefunden werden zu können. Eine ähnliche Zweiteilung gab es bereits beim Stück „Jamahee“ auf dem Vorgängeralbum.

Track 6 „Das Kind im Walde“ klingt dann wie ein Lied aus besten FAUN-Zeiten, wobei das an dieser Stelle als Kompliment und nicht als Plagiatsvorwurf zu verstehen ist. Die Vertonung des Theodor Storm Gedichts zählt zu meinen absoluten Favoriten auf dem Album.

Das mit dem Wortungetüm „Onomatopoeia“ (griech. für „Lautmalerei“) betitelte nächste Stück nimmt dann wieder ein wenig die Stimmung von „Lulu“ auf. Wie der Name schon erahnen lässt bekommt der Hörer erdig-mystische Geräusche geboten und dazu rhythmische Gesänge, die diesmal eher an afrikanische Gefilde erinnern.

Wie sich allerdings dann das anschließende, recht schräg vorgtragene Christian Morgenstern Gedicht „Das Mondschaf“ auf das Album verirrt hat, erschließt sich mir auch nach mehrmaligem Hören nicht wirklich.

Der folgende Track, „Die Malerin“, ist die Beschreibung einer mystischen Gestalt, die die Natur nach ihrem Willen malt und gestaltet. Das melancholische Altflötenmotiv des Songs nudelte sich schon beim ersten Hören in meinen Gehörgängen fest – mein Lieblingsstück auf dem Album!

„Ottilie“, wieder ein kurzer Zwischentext, beschreibt ebenfalls auf lyrische Weise ein und daselbe oder doch zumindest ein ähnliches Wesen.

Bei „Neachtains“ handelt es sich um eine Mischung aus mehreren bekannten instrumentalen Irish Folk Traditionals, beginnend und endend mit dem Reel „Johnny’s wedding“ und aufgepeppt mit dazugemischter Pub-Liveatmosphäre. Letzteres wäre in meinen Augen gar nicht nötig gewesen, aber ist wohl Geschmackssache.

"Seemannsgarn" erinnert dann beinahe an ein Hörspiel. Der gesprochene Logbucheintrag eines Kapitäns über die schwere Havarie seines Schiffs vor Kapstadt steigert sich im Laufe des Texts zu höchster Dramatik. Die sehr atmosphärisch in Szene gesetzte Geschichte hätte mir sogar noch einen Tick besser gefallen, wenn die weibliche Erzählstimme die sonore Ruhe des Anfangs beibehalten und die dramatischen Elemente ausschließlich der Musik und den Geräuschen überlassen hätte. 

Das abschließende „An Sie, meinen lieben Freund...“ bietet dann noch einmal einen Auszug aus der Weltliteratur, genauer gesagt aus dem Schlusswort des „Majorats“ von E.T.A. Hoffmann. Passend dazu gibt es die Untermalung durch eine kratzende Schellackplatte mit Tubaklängen und einer schönen Fagottmelodie.

Doch man sollte nicht glauben das Album wäre an der Stelle zuende. Irgendwie hatte mich beim Lesen schon die Angabe „feat. Canay“ stutzen lassen. War da nicht auf dem letzten Album dieser Remix...? Ein kurzer Blick auf die Zeitanzeige des Players bringt das Aha-Erlebnis: Über 14 Minuten? Na da wird doch wohl nicht ein Hidden Track...? Natürlich, genau so ist es, und auch der Gedanke an den Remix war der richtige, denn um genau das handelt es sich hier: „Oberon und Titania“ in elektronisch-gruftigem Gewand - ein absolut clubtauglicher Tanzflächenfüller in bester QNTAL-Tradition. Also das hätte man nun wirklich nicht verstecken müssen!

 

Fazit: Die Thüringer haben das Niveau des Erstlings halten können und sich in mancher Hinsicht auch weiterentwickelt. „Menschenmaler“ ist ein sehr poetisches, vielschichtiges Album, mit einigen wirklichen Höhepunkten und vielen kleinen Zwischentönen. Insofern ist die Band trotz des unterliegenden und verbindenden Konzepts, das sich leider an manchen Stellen nur mit den entsprechenden Hintergrundinfos erschließt, in gewisser Weise auch ihrem alten Motto der Chaostheorie treu geblieben. OMDULÖ festigen aber in jedem Fall mit dieser Scheibe den Anspruch auf den Nachwuchsthron der deutschen Paganfolkszene. Lag den 9 Punkten für den Vorgänger in gewisser Hinsicht vielleicht auch ein „Erstlingsbonus“ zugrunde, gibt es für den ersten echten Longplayer diesmal solide 8,5 - Reinhören!

 

Anspieltips: „Die Malerin“, „Das Kind im Walde“, „Oberon und Titania“ + Hidden Track

 

www.myspace.com/omduloe

 

Bei Amazon suchen! Bei blackscaped.de suchen! 1. Der Menschenmaler
2. Lulu
3. Oberon und Titania
4. Atlantis I
5. Atlantis II
6. Das Kind im Walde
7. Onomatopoeia
8. Das Mondschaf
9. Die Malerin
10. Ottilie
11. Neachtains
12. Seemansgarn
13. An Sie, meinen lieben Freund...

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redbeard

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08.01.2011

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