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SPIRITUAL

Interview mit Stefan Hertrich

Stefan Hertrich ist vor allem bekannt als Sänger der Goth Metaller DARKSEED. Weniger bekannt sind leider seine anderen Betätigungsfelder, die meiner bescheidenen Meinung nach wesentlich innovativer und hochklassiger sind. Vor allem sticht seine Begeisterung für ethnische (folkloristische Weltmusik) Projekte hervor. Ende der Neunziger gründete er mit Christian Bystron (Gitarrist von MEGAHERZ) das Projekt BETRAY MY SECRETS. Zwischenzeitlich lies er die Gitarren ruhen und brachte ein reines Ethno-Projekt SHIVA IN EXILE auf den Markt und nun nimmt man mit SpiRitual den Faden wieder auf, den man mit dem Verebben von BETRAY MY SECRETS hat liegen lassen.
Das vorliegende Interview versucht sich an der Aufarbeitung des „Studiounfalls“ BETRAY MY SECRETS. Warum es sechs Jahre dauerte bis mit SpiRitual ein Nachfolger aus der Taufe gehoben wurde, die Aufdeckung der Hintergründe zu den Texten und dem Komponisten und seiner Beweggründe als Musiker, Mensch mit Glauben oder einfach nur dem Menschen S. Hertrich. Als Nebenprodukt wurde auch über die soziale Kälte unserer Gesellschaft geredet, die leider, auch wenn es der eine oder andere nicht wahrhaben will, mittlerweile fester Bestandteil unserer ach so geliebten Szene ist. Aber beginnen wir von vorn.
 
 
Teil 1: Aufarbeitung der Geschichte des Ethno Metals.
 
Die CD von BETRAY MY SECRETS wurde 1999 veröffentlicht. Wann kam dir zum ersten mal der Gedanke, Ethno-Musik aus den Bereichen Indien, Arabien und Südamerika (sorry, wenn ich hier etwas übersehen habe, aber Ethnologische Musik ist nicht mein Spezialgebiet) mit Metal zu einem neuen Stil zu vermischen?
 
Dieser Stil ist auf Knopfdruck entstanden. Klingt komisch, war aber so. Ich wollte damals bei meinem Freund Christian Bystron (MEGAHERZ) ein Black Metal-Demo aufnehmen, einfach mal aus Spaß. Irgendwie hat er dann auf nen Knopf gedrückt und im PC war eine Ethno-Studio-CD, und die lief dann zusammen mit dem Black Metal und es passte wie die Faust aufs Auge (ich glaube es waren irgendwelche Indianerflöten oder asiatische Klänge). Aus diesen Black-Metal Songs wurde dann teilweise BETRAY MY SECRETS, und anstatt nur das Album aufzunehmen ist Christian Bestandteil von BETRAY MY SECRETS geworden.
Leider sind wir nie dazugekommen, ein Nachfolgealbum zu machen, da er einfach zu viel mit Megaherz und ich zu viel mit DARKSEED zu tun hatte. Zumal BETRAY MY SECRETS nicht gut verkauft hat, was weniger an uns sondern eher am Label lag, das während der Promotionphase mehr oder weniger Pleite gegangen ist. Ich bin dennoch nach wie vor stolz auf diese CD und die Überschrift „Aufarbeitung der Geschichte des Ethno-Metals“ ist natürlich genial. Ich hätte nie gedacht, dass eines Tages eine Interview-Überschrift so lauten würde! Wenn jetzt noch die Verkaufszahlen stimmen würden, könnte ich echt zufrieden mit meiner Musik“laufbahn“ sein lol.
 
 
Welche Songs sind als erstes entstanden? Es gibt eine Single mit „Of Things Not Seen“ und „Oh Great Spirit“. Waren die zwei die ersten und unterscheiden sich die Songs von den Versionen der regulären CD?
 
Richtig, das waren die ersten beiden Songs, ebenso „Little Wanderer“ und „Ever Expanding Eternity“ entstanden recht früh. Die Single-Versionen sind teilweise mit der Albumversion identisch, ich glaube aber, das wir die Gitarren fürs Album noch mal neu aufgenommen haben. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, ist schon soooooo lange her, haha. Die Single ist übrigens auf nur 500 Exemplare limitiert und ganz schwer zu bekommen. Auch das Album ist nicht einfach zu kriegen, ich habe die letzten Kopien vom ehemaligen Label ergattern können und verkaufe diese auf www.spi-ritual.com
 
 
Meiner Meinung nach hatte BMS zwei Übersongs. Den Opener „Shamanic Dream“ und “Little Wanderer”. Hast du noch spezielle Lieblingssongs von der CD und wie siehst du das Projekt jetzt mit ein paar Jahren Abstand?
 
„Shamanic Dream“ finde ich auch genial und sollte SpiRitual auf die Bühne kommen, wird Shamanic Dream 100%ig dabei sein. Meine Lieblingssongs außerdem: „Desert Dance“ und „Me To God“. Die Gitarrenarbeit bei „Desert Dance“ ist genial, da hat Christian echt ein Feuerwerk aufs Parkett gezaubert! Ich sehe das Projekt mit gemischten Gefühlen. Einerseits bin ich nach wie vor sehr happy mit dem Album, aber andererseits hätte man mehr draus machen können (das gleiche Problem stellt sich mit SpiRitual, die Musikindustrie will nicht so wie ich will, hehe).
 
 
Du mischst beim Gesang verschiedene Sprachen. Englisch und Deutsch sind klar, aber welche Sprache(n) sind noch zu hören und wer zum Teufel arbeitet hier die Texte aus?
 
Bei BETRAY MY SECRETS sind es nur englisch und deutsch (meine Vocals betreffend), alle anderen Gesangsphrasen stammen von speziellen Studio CDs, die in der Regel für die Werbung gemacht werden (daher kann es vorkommen, dass man bei BETRAY MY SECRETS Gesänge hört, die man vielleicht auch manchmal in Fernsehwerbung hört). Bei SpiRitual singe ich nur englisch und die Gesangsphrasen sind echt eingesungen. So wie bei DEAD CAN DANCE handelt es sich um Fantasiesprache. Gaby und Yana singen einfach, was ihnen in den Sinn kommt. Ich finde das sehr interessant. Es ist sozusagen Seelensprache, da man Laute von sich gibt, die nicht durch ein Sprachkorsett in Form gezwungen werden. Vielleicht kommt der Gesang deswegen so emotional rüber. Da Yana nicht nur bei SpiRitual in diesem Stil singt, kann ich mir gut vorstellen, dass sie mittlerweile eine eigene Gesangssprache entwickelt hat (kleiner Scherz am Rande).
 
 
Nimmt man sich die Texte vor, entdeckt man einige Dinge, die einen über die Person S. Hertrich nachdenken lassen. Da wäre einmal der Text zu „God And Me“. Du schreibst „give us back innocense...“. Zuerst fällt der Schreibfehler ins Auge;-) Aber ernsthaft, welches Verhältnis hast du zu Gott, wenn du ihn anschreist „gib uns unsere Unschuld zurück“ und würdest du es wirklich befürworten, dass die Menschheit dem technologischen Fortschritt (sofern man hier von Fortschritt reden kann) abschwört und zurück auf die Bäume (ins Paradies) kehrt oder wie ist diese Zeile zu verstehen?
 
Da steht „Innocense“? In der Tat, ein dämlicher Schreibfehler, gut beobachtet lol. Also jetzt muss ich dir doch mal ein Kompliment machen, du verstehst die Texte tatsächlich richtig. Es geht in der Tat um Unschuld im Sinne des technologischen Fortschritts bzw. „wir wissen so viel, dass wir uns in der Tat die Erde untertan machen können, dies jedoch auf eine Weise tun, die die Erde zerstört“. Ich sehe das mittlerweile aber relaxter. Es ist nun mal so, wie es ist und es bringt auch große Vorteile mit sich, in einer Welt wie dieser zu leben. Allerdings haben wir dadurch die Verantwortung das Richtige zu tun. Wenn man bedenkt, was wir im Vergleich zur Dritten Welt oder im Vergleich zur Vergangenheit für Bildungsmöglichkeiten haben… Millionen von Büchern, Internet usw. Wir nutzen diese Möglichkeiten viel zu wenig (mich eingeschlossen) und wachsen dadurch ethisch (moralisch) viel zu wenig. Die Technik rast unserem Geist davon, und sie lullt uns ein. Das führt dazu, dass wir uns selbst und unserem Umfeld (z.B. der Familie usw.) immer fremder werden und Identitätskrisen haben.
Wir leben in einer relativ sorgenfreien Welt und haben Zeit, soviel über uns nachzudenken, dass wir dabei depressiv werden, obwohl es uns doch so gut gehen müsste, bei all dem Reichtum. Wir greifen dann nicht zu Büchern, sondern gehen einen trinken etc. Den Sinn unseres Lebens finden wir dadurch aber nicht. Eigentlich ist ja der Sinn des Lebens, nicht unter die Räder zu kommen (Dach überm Kopf haben, was zu essen haben, für die Familie sorgen usw.).
Da das in unserer Welt aber nicht mehr nötig ist, brauchen wir einen anderen Sinn. Den zu finden, ist sehr schwer und jeder muss diesen Sinn für sich selbst finden (bzw. seinen persönlichen Weg finden, um glücklich zu werden). Das ist das Hauptproblem unserer Zeit, und da wäre auch ein wenig „Unschuld“ nicht schlecht, wie Tiere sie haben, die eben nicht über all den Kram nachdenken müssen. Die Welt wird immer komplexer und selbst die einfachsten Dinge (nehmen wir mal Geld am Automaten abheben) können zum Problem werden. Wer kennt nicht das Gefühl: Was mache ich jetzt, wenn das Passwort nicht stimmt, was passiert, wenn der Automat die Karte einzieht usw. Was mache ich, wenn mein Internet nicht mehr läuft, wo muss ich anrufen etc. Wir können unseren Alltag gar nicht mehr selber lenken, sondern sind von 1000 Dingen abhängig und auch von Menschen, die wir gar nicht kennen (den netten Menschen am anderen Ende der Telekomhotline-Leitung). Wir wissen nicht mehr was im Essen drin ist, unseren Nachbarn kennen wir in der Regel nicht. Ach, da könnte ich jetzt 1000 Sachen aufzählen.
Unsere Welt wird kälter und gnadenloser (natürlich haben wir ein Sozialsystem mit Krankenversicherung usw., aber das ist doch nur ein Zweckbündnis und in Wirklichkeit interessiert sich keiner für das Wohl des Anderen). Und wenn wir uns nicht mal für den Nächsten interessieren, interessieren wir uns noch weniger für etwas wie „Schöpfung“ etc., daher wird nichts und niemand die Zerstörung des Planeten aufhalten können. Aber diese Verantwortung muss jeder von uns tragen, nicht nur Politiker etc. Jeder Einzelne von uns hat sehr viel Macht, im Vergleich zu Tieren oder Pflanzen etc., die nichts entscheiden können. Also muss es auch jeder auf seine Kappe nehmen, wenn etwas schief läuft (ab einem gewissen Alter zumindest, Kinder etc. darf man natürlich nicht in die Schuld nehmen). Wie die Lösung aussieht? Die Lösung ist nicht eine bessere Welt sondern der VERSUCH jedes Einzelnen, diese zu schaffen. Ob es gelingt oder nicht spielt keine Rolle. Man muss mit sich selbst im Reinen sein, das ist das Wichtigste.
Dazu gehört z.B. offen durch die Welt zu gehen, nicht immer nur den Glaubensmustern aus dem Fernsehen und der Schule Gehör zu schenken etc. Vielleicht reicht es auch schon, einfach stets freundlich zu anderen zu sein, selbst wenn diese einen schlechten Tag haben. Es gibt da viele Möglichkeiten, über sich selbst ein wenig hinauszuwachsen. Langer Rede, kurzer Sinn: Unser Reichtum und unser Geist gibt uns Verantwortung, und diese wird zur „Schuld“, wenn wir nicht richtig damit umgehen.
 
 
Des weiteren finde ich den Songtitel „Ever Expanding Eternity“ bemerkenswert. Verbindest du hier die buddhistische Lehre der Ewigkeit mit der Theorie des auf ewig expandierenden Universums? In wie weit haben dich Astrophysiker der Sorte Hawking in deinem Weltbild beeinflusst?
 
Hm, ich muss gestehen, ich weiß gar nicht mehr genau, was ich mir bei diesem Song gedacht habe, haha. Sagen wir mal so: In der heutigen Zeit haben wir die Möglichkeit, an der Unendlichkeit zu schnuppern. Alles wird globaler, man hat Zugang zu unendlich vielen Wissensquellen durch das Internet, kann auf dem ganzen Planeten hin- und herreisen usw. Zum Thema Unendlichkeit fällt mir hier ein: Dadurch, dass wir immer weiter über den Tellerrand hinausschauen, geht ein wenig der Bezug zu den wesentlichen Dingen verloren. Partnerschaft, Familie, Gesundheit usw. Es ist nicht einfach, diesen Spagat zu meistern:
Alles haben zu können, aber mit dem zufrieden zu sein, was man wirklich hat. Hab ich mich jetzt gut um eine konkrete Antwort gewunden? LOL.
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich bisher nicht mit Hawking beschäftigt habe. Aber gut dass du es ansprichst, ich glaube ich sollte mal was von ihm lesen…
 
 
Weiterhin schreibst du im selben Song: 
 
„die Welt in einem Sandkorn sehen
und den Himmel in einer wilden Blume
die Unendlichkeit in meiner Handfläche halten
und die Ewigkeit in einer Stunde“
 
 
Dies klingt schon sehr poetisch und schön, hat aber auch etwas von der Philosophie der TV-Serie „Kung Fu“ mit David Carradine. Zumindest hätte dies vom Meister an den Grünschnabel als Weisheit weiter gegeben werden können. Wenn man diese Zeile deuten möchte, kommt man unweigerlich auf die Schönheit des Augenblicks. Möchtest du hier hinweisen, dass sich der Mensch zu sehr mit dem Morgen, anstatt mit dem Hier und Jetzt beschäftigt? Glaubst du nicht, dass der Mensch privat immer nur in den nächsten Tag hetzt, die globale Politik dagegen aber nur die Ausbeutung des Heute betreibt? Liegt hier vielleicht der große Widerspruch unserer Zeit?
 
In der Tat „hetzen“ wir zu viel. Dadurch, dass wir so unter Leistungsdruck stehen und mit unserem Alltag überfordert sind  (siehe mein vorheriges Geldautomatenbeispiel), verlieren wir die kindliche Begeisterung für die kleinen Dinge, aber auch die Fähigkeit, uns durch diese Begeisterung Ziele zu setzen. Wir schließen zu schnell mit unserem Schicksal ab und leben so dahin. Ewigkeit in einer Stunde, dazu fällt mir ein: Eine Stunde kann ganz schön viel verändern, eigentlich reichen schon ein paar Sekunden, nämlich die Sekunden einer Entscheidung, die dann das ganze Leben auf den Kopf stellen könnten, im positiven Sinne. Ich denke das habe ich damals ein bisschen damit gemeint. Also quasi, dass Ewigkeit und Größe relativ sind. Selbst in kleinen Dingen kann man viel entdecken und sie können einen Menschen prägen. Aber um diese Zeilen genau aufzuschlüsseln bräuchte ich jetzt zu lange und alle Leser würden einschlafen, haha.
 
 
Letzte Frage zum Thema Glauben: Wie stehst du generell zur Frage der Weltreligionen und wie Menschen mit dem Thema Glauben umgehen?
 
Uff, das ist ein harter Brocken, den man sehr schwer in Form eines Interviews beantworten kann.
Man kann Gott etc. nicht in Worte fassen und sicher nicht verstehen. Einige Leute in der Vergangenheit (und in der Gegenwart) konnten bzw. können dieses Thema recht gut in Worte fassen. Prinzipiell sagt Jesus das gleiche wie die spirituellen Autoren von heute. Nur war er 2000 Jahre früher dran und durch die Überlieferungen und (Mis-)Interpretationen (es waren Interpretationen der damaligen Zeit und Kultur, dazu mit relativ beschränktem Urteilsvermögen, es waren halt rohere Zeiten)  über all die Jahrhunderte kam ein unkonkretes Gebilde namens Christentum dabei heraus, bzw. „Kirche“, die es nie verstanden haben, die Genialität der Message von Leuten wie Jesus usw. richtig zu verstehen und persönlich umzusetzen, sondern durch Zeremonien und Regeln zu definieren.. Genauso lief es auch mit den anderen Religionen.
Heutzutage gelingt das besser, da wir einfach viel mehr über die Welt und die Menschen wissen. Bücher findet man dazu in der Esoterik etc. Heutzutage ist man der Ansicht, dass man keine Kirchen braucht, um Gott, Schöpfung etc. zu erfahren, sondern lediglich seinen eigenen Körper (das nennt man z.B. Gnostik). Aber es ist ein schwieriges Thema und die Übergänge zwischen „Religion“ und anderen Themen sind in Buchform heutzutage fließend. Ob Bücher über Managerberatung von Psychologen/Lebensberatern, Bücher von „ausgeflippten“ Esoterikern oder in sich gekehrten Mönchen, prinzipiell schreiben sie alle das gleiche, und ich glaube, dass das fürs Leben am Wichtigsten ist: Positiv denken, sich Ziele setzen und versuchen, diese zu erreichen, aus Niederlagen Erfahrungen gewinnen und wirklich alles durch eine positive Brille zu betrachten. Das ist die Grundessenz meiner bescheidenen Meinung nach. Wer das tut, kann eigentlich nicht viel falsch machen. Ängste überwinden etc. kommt auch noch hinzu.
Jesus sagt „What you fear, will find you“, Managerberater sagen „Angst hindert uns daran, erfolgreich zu werden“, Esoteriker sagen „Angst nimmt uns die Entscheidungsgewalt, wir müssen Entscheidungen treffen, egal ob richtig oder falsch, um glücklich zu werden“. Es ist immer die gleiche Message, und darum geht es auch in den Texten von SpiRitual.
 
 
Teil 2: Die Fortsetzung SPI-RITUAL
 
Von der Grundlage Ethno-Musik unterscheidet sich BMS von SpiRitual nicht sehr. Du nimmst quasi den Faden nach 6 Jahren wieder perfekt auf. Auffällig sind allerdings die Unterschiede in der Gitarrenarbeit und dem Songwriting. Ich denke, dass BMS relativ stark vom Black Metal beeinflusst waren und auch eine wesentlich epischere Ausrichtung hatten, während SpiRitual moderner, kompakter und straffer wirken. Vor allem die Gitarrenriffs erinnern ein wenig an Bands der Sorte FEAR FACTORY. Handelt es sich hier um die vielzitierte „natürliche Weiterentwicklung“ oder war dieser Schritt bewusst gewählt? Wenn er bewusst war, warum? Kannst du dieser Ansicht überhaupt folgen?
 
Du hast mit Sicherheit Recht. SpiRitual ist kompakter, was vor allem daran liegt, dass zwischen BETRAY MY SECRETS und SpiRitual 5-6 andere CDs liegen, die ich in der Zwischenzeit gemacht hatte und mit der Zeit bekommt man einen anderen Anspruch an sein Songwriting. „Kompaktes“ Songwriting ist nicht einfach, da es schnell belanglos oder zu simpel klingt, daher entscheiden ganz feine Nuancen darüber, ob ein Song gut oder langweilig ist. Und nach all den Jahren habe ich (hoffentlich) gelernt, selber zu erkennen, ob mein Song nun kompakt-gut oder kompakt-langweilig ist. Wobei SpiRitual um einiges verspielter ist als meine andere Band DARKSEED.
Der Schritt war nicht bewusst gewählt, sondern ist einfach passiert, so wie es bei den meisten Songwritern passiert. Ein sehr gutes Beispiel ist Rammstein. Die Jungs machen seit Jahrzehnten Musik und schreiben auch eher simple Songs, die dennoch gut ankommen, weil sie es einfach schon ewig so machen.
 
 
Neben Christian von MEGAHERZ hat auch René von EQUILIBRIUM ein paar Solos beigesteuert. Wie kamst du denn auf René?
 
Rene arbeitet in den Helion Studios, in denen ich meistens die Endmixe meiner CDs machen lasse, zudem wohnt er in meiner Gegend und wir kennen uns schon einige Jahre (waren sogar auf der gleichen Schule, aber das war vor den EQUILIBRIUM-Zeiten bzw. in der Anfangszeit von DARKSEED, daher kannten wir uns nicht direkt). Ich bewundere nicht nur seine Gitarrenkünste, sondern hauptsächlich seine Songwriterfähigkeiten (gute Gitarristen sind oft gnadenlos schwache Songwriter), daher wollte ich seinen musikalischen Fingerabdruck unbedingt auf der CD haben.
 
 
Neben dir haben auch zwei Damen ihren Gesang beigesteuert. Hatten Gaby und Yana auch schon für BETRAY MY SECRETS gesungen? Wenn nicht, wer war dann die weibliche Stimme für BMS? Erzähl doch bitte ein wenig über den Background der beiden Damen.
 
Bei BETRAY MY SECRETS haben wir mit Gesangsphrasen von speziellen Studio-CDs gearbeitet bzw. mit einem Chor aus Amerika („Oh Great Spirit“, „From The Goddess“), bei SpiRitual wollte ich hingegen klare Bezugspersonen in Punkto Gesang haben, einfach damit das ganze Album etwas persönlicher rüberkommt. Gaby Koss arbeitet in den Helion Studios, und da sie bekannt für ihre professionellen Gesangskünste vor allem im Opernbereich ist (nicht umsonst hat sie jahrelang bei HAGGARD gesungen und ist auch als Gastsängerin bei EQUILIBRIUM dabei), haben wir einfach mal spontan im Ethno-Bereich herumexperimentiert, was gleich funktioniert hat. Für eine Sängerin wie sie gibt es nicht viele Herausforderungen, da sie schon jahrelang alle möglichen Stilistiken erfolgreich gesungen hat, daher war dieser Ethno-Style eine der wenigen reizvollen Abenteuer, auf die sich jemand wie Gaby noch einlassen kann.
Yana Veva von der russischen Band Theodor Bastard wurde mir von einer russischen Plattenfirma empfohlen. Schon bei THEODOR BASTARD verbindet sie gekonnt westlichen Gesangsstil mit leicht orientalischen Elementen, daher passte sie perfekt zu SpiRitual. Wir haben über Internet zusammengearbeitet (ich habe ihr Playbacks geschickt, sie hat in einem Studio in St. Petersburg gesungen), und wir arbeiten bereits an weiteren Songs zusammen (dieses Mal für mein Ethnorprojekt SHIVA IN EXILE).
 
 
Wenn man sich intensiv mit der EP „Pulse“ auseinandersetzt erfährt man noch etwas über den Menschen S. Hertrich. Die Qualität des Produkts ist immens hoch. Sowohl was das Layout angeht (die EP kommt im schicken Digi), als auch von dem glasklaren Sound der Musik. Dazu hast du ein Video produziert, dass allerhöchsten Ansprüchen genügt und manches Produkt sogenannter Topseller klar in den Schatten stellt. Wie sehr ist der Mensch S. Hertrich vom Perfektionismus getrieben?
 
Oh, danke für das Lob! Freut mich, dass dir das Album und die Aufmachung gefällt! (das Digipack ist übrigens auf 1000 Stück limitiert und kann derzeit nur unter www.spi-ritual.com bestellt werden). Ich muss gestehen, dass ich bei SpiRitual in der Tat fast schon übertrieben perfektionistisch war. 100 Mal habe ich die Songs angehört und kleine Details verbessert etc. Das ging so bei allen Bestandteilen der CD und Website (außer dem Videoclip, da habe ich dem Videoteam freie Hand gelassen), aber es wurde mit unglaublich euphorischen Reviews belohnt.
 
 
Neben der immensen Detailarbeit die in der EP stecken muss, fragt man sich natürlich, wer hat das bezahlt? Alle jammern darüber, wie wenig Geld die Musikindustrie hat und dass dadurch die Qualität des Endprodukts leidet und du bringst mal eben eine Eigenproduktion heraus, die zwar keine neuen Standards setzt, aber zumindest es ganz locker mit den Hochglanzprodukten der letzten Jahre aufnehmen kann. Entweder hast du reiche Eltern oder ein Team guter Freunde um dich herum, die allesamt unbekannte Könner mit großem Herzen sind.
 
Ich habe das Projekt in der Tat selber finanziert und im wahrsten Sinne des Wortes die letzten Cent zusammengekratzt. Aber ohne die von dir erwähnten guten Freunde wäre es nicht gegangen, da ich den Videoclip und die ganze weitere grafische Gestaltung für einen spottbilligen Preis bekommen habe. Die beteiligten Musiker haben ebenfalls ohne finanzielle Erwartungshaltung mitgemacht, dafür nachträglich großen Dank an alle!
Es war einfach mein Traum, so eine CD zu machen, und er musste in die Tat umgesetzt werden, koste es was es wolle. Wenn ich die Unkosten irgendwann mal reinhole, bin ich heilfroh! Und wenn nicht, macht es auch nichts, ich finde das ganze Projekt nach wie vor super und bereue nicht, dass ich es aus dem Boden gestampft habe. In Zukunft werde ich aber wieder eher ergebnisorientiert arbeiten. Nach der Umsetzung dieser „Vision“ ist der Kopf wieder frei für neue Ziele, was auch immer sie sein mögen.
 
 
Glaubst du, dass du mit SpiRitual endlich die Aufmerksamkeit bekommst, die du mit BMS eigentlich hättest bekommen müssen? Diese beiden Projekte sind schließlich auf dem Weltmarkt einzigartig und innovativ wie Sau. Alle Welt schreit nach Musik, die sich aus dem Einheitsbrei abhebt. Wenn nicht dein Ethno-Metal, was dann?
 
Hehe danke für die lobenden Worte! Nein, SpiRitual wird ein Undergroundprojekt bleiben. Die großen Plattenfirmen hatten nicht den Mut diese CD zu veröffentlichen, selbst obwohl die Reviews besser nicht hätten ausfallen können und die CD schon komplett fertig war, inklusive Videoclip usw. Interessanterweise bekam ich nicht mal Absagen, sondern schlicht und einfach keine Antwort, selbst von den Labels, die ich schon lange persönlich gut kenne… Das war eine sehr deprimierende Erfahrung, die ich so nicht erwartet hatte. Aber sie hat mir gezeigt, was man vom Metalbusiness zu erwarten hat und in Punkto Metal an sich war es für mich ein Dämpfer, das muss ich zugeben.  Es ist nun mal keine besonders herzliche Szene. Im Ethno-/Newage-Bereich gefällt mir das besser, daher werde ich wohl demnächst eine reine Ethno-CD machen.
Auch die ganze Downloaderei hat mich dieses Mal hart getroffen. Da ich die CD ja nur über die Website verkaufe, weiß ich natürlich genau, wer das Album kauft und wer nicht, und es ist dann immer interessant zu sehen, dass Radiosender die CD spielen, aber sie nie bei mir gekauft haben bzw. eine Promo-CD angefordert haben… Mittlerweile kann ich darüber aber schon wieder lachen, es gehört halt zur heutigen Zeit dazu. Andererseits bietet mir das Internet die Möglichkeit, mit einer klasse Sängerin wie Yana aus Russland zusammen zu arbeiten!
 
 
Besteht die Möglichkeit dich und Christian mit SpiRitual auch mal live zu bestaunen? Es wäre toll auch die alten Hämmer von BMS einmal live um die Ohren gehauen zu bekommen.
 
Wir hatten das in der Tat angedacht, aber ob es dazu kommen wird, hängt von den Verkaufszahlen und der Lukrativität ab. Ein Line-Up für ein derartiges Unterfangen lässt sich nur unter großem finanziellen Aufwand realisieren. Interessant wäre es allemal und ich denke schon, dass SpiRitual bzw. BETRAY MY SECRETS Live-Musik wäre, da man es als Pendant zu den Mittelalterbands sehen könnte, die sich ja vor allem live großer Beliebtheit erfreuen.
 
 
So, hiermit habe ich dich genug gequält und deine kostbare Zeit gestohlen. Gibt es noch eine letzte Weisheit, die du der Welt mitteilen möchtest?
 
Die stets schwerste Frage in Interviews, haha. Danke für das Interview und dein Engagement, SpiRitual zu unterstützen. Ansonsten lade ich jeden herzlich dazu ein, auf www.spi-ritual.com vorbeizukucken und in dieses verrückte Projekt reinzuhören!
 

Vielen Dank für das Interview!

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Autor:
ehemaliger Mitarbeiter

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