
Es gibt Augenblicke, da muss es mal etwas anderes sein. Etwas ganz anderes und wenn es um ganz anders geht ist man bei CINEMA STRANGE an der richtigen Adresse. Wenn man dabei auch mal wieder seinen gothischeren Bedürfnissen in Richtung Batcave nachgeben möchte erst recht.
So war die Vorfreude nicht unerheblich, als ich mich trotz langwieriger Krankheit und erhöhter Temperatur nach Frankfurt aufmachte, um die schon fast traditionell stattfindende jährliche CINEMA-Tour zu genießen. Der Umstand, dass das langerwartete neue Album „Quatorze Exemples Authentiques du Triomphe de Musique Décorative“ noch nicht erschienen ist und somit kaum neues Material dabei sein würde, war dabei der Stimmung nicht abträglich, wenn die Neugier auf das neue Zeug natürlich nicht unerheblich war.
Aber den kreativen Ausschreitungen der kalifornischen Düster-Avantgarde-Truppe zuzusehen ist auch so immer wieder ein Vergnügen.
So kamen wir dann auch gut gelaunt um kurz nach 21 Uhr am Nachtleben an, ein Club den ich für kleinere Konzerte sehr zu schätzen weiß, da ich kaum eine Location mit einer intimeren und familiäreren Stimmung kenne. Das wartende Publikum bestand aus den zu erwartenden Gruppen an Goth Punks, Batcavern, Gothic Prinzeschen und was die Szene sonst noch an Freunden von Gitarrenmusik zu bieten hat in den passenden Outfits, wobei es mich dennoch immer wieder erstaunt wie viel aufwand da zum Teil betrieben wird, aber interessant zu betrachten ist es allemal...zumindest solange sich kein Funke in die „drei Dosen Haarspray waren erst der Anfang“ -Frisuren verirrt. Durch einen reibungslosen und frühzeitigen Einlass waren wir dann auch schon alle drinnen, hatten die erstaunlich vielen Bekannten gegrüßt (man kann sich hier in den Breiten keine sechs Monate lang wie auch immer unauffällig in einer Szene bewegen ohne sofort ganze Heerscharen an „In“-Leuten zu kennen Anm. d. Verf.) und auf Position als der Konzertabend gegen 21.30 Uhr mit
LOVES’S LABOUR’S LOST
began. Das junge Quintett aus Mainz spielt eine Goth Rock Variante, die starke Einflüsse des traditionellen Batcave, eine Prise Punk und nicht zuletzt durch die Gitarrenarbeit einen hauch metallischen Flairs beinhaltet.

Mit jeder Menge Nebel enterten die Fünf dann auch die Bühne und begannen recht schwungvoll ihr Set und das besondere gewicht auf den Bass ging einem im wahrsten Sinne des Wortes durch Mark und Bein, aber ich genieße einen gut eingesetzten Tieftöner immer sehr, also ging es mir prächtig. Ich dürfte LLL ja schon im Vorprogramm von THE BIRTHDAY MASSACRE bewundern und sah mich positiv überrascht vom verbesserten Zusammenspiel und den Leistungen der einzelnen Musiker, die somit ihre ansprechenden und teils energetischen Songs sehr schön in Szene setzen konnten.
Leider trug der Sound im Nachtleben dem nicht immer Rechnung, denn damit gab es doch einige Probleme, waren Gesang und Schlagzeug doch deutlich zu leise und gingen neben dem dominanten Bass und den Gitarren etwas unter. Dies

verbesserte sich aber im Laufe des Auftritts und dann kam der Moment auf den ich gewartet habe. Bisherige Bassistin Inge wechselte an die Bratsche um dem zweiten Gitarristen O.M.A. den Bass zu überlassen und nun kam zum tragen, was für mich die besondere Note an dieser Band ausmacht: Die gekonnte Verquickung der rockig-gothischen Attitüde mit dem klassischen Instrument und zwar in durchaus tragender Weise und nicht nur als schmückender Tand, den man gegebenenfalls auch vernachlässigen könnte. Eine Schande, dass auch hier der Sound zu wünschen übrig ließ. Dennoch bekam das Publikum sowohl gefühlvolles als auch brachialeres in dieser besonderen Weise um die Ohren geschlagen und es fühlte sich wohl niemand davon gestört, dass mit immerhin elf Songs ein recht langes Set für eine Vorband gezockt wurde, da die Musik einfach Spaß machte und der etwa 45 minütige Auftritt trotz der technischen Schwierigkeiten als gelungen zu bezeichnen war.
Dann aber wurde es Zeit für dieses extravagante kleine Grüppchen, wegen dem sich die meisten Leute an diesem Abend versammelt hatten und
CINEMA STRANGE

betraten unter begeistertem Applaus die kleine Bühne. Schon immer für ihre theatralen Bühnenoutfits bekannt und geschätzt enttäuschte das Quartett auch dieses Mal nicht. Die Instrumentenfront lief in verschiedenen Varianten französischer Herrenmode des ausgehenden 19. und anfangenden 20. Jahrhunderts ein, während Sänger Lucas Lanthier im originalgetreuen Geisha-Outfit und passendem Make Up in etwa aus derselben Zeitperiode vor die Menge trat. Und sich dann auch gleich eine Akkustikklampfe schnappte um in das mehrminütige Intro einzustimmen, bei dem sich alle vier nicht lumpen ließen ihre musikalischen Qualitäten unter beweis zu stellen. Leider waren auch beim Haupt-Act die Soundprobleme nicht ganz gelöst, wenn auch im verlauf des Abends deutlich besser im Griff als noch bei der Vorgruppe. Der Funke sprang dann auch sofort auf das Publikum über und die Stimmung erfuhr einen deutlichen Anstieg und das sollte erst der Anfang sein, denn CINEMA boten einfach eine großartige Show. Und zwar in mehrfacher Hinsicht:
Zum einen bewiesen die Jungs aus San Franzisko, dass sie ganz großartige Musiker sind. Gitarrist Michael Ribiat macht schon einiges her aber das Rückgrad der eigenwilligen Interpretation von Batcave und Gothic Rock ist die Rhythmussektion. Was der gute Daniel Ribiat an seinen fünfseitigen Bass so

veranstaltet ist absolut Ehrfurcht gebietend. Der Kerl spielt da Bassläufe, welche die meisten Metal-Bassisten ganz schön ins schwitzen bringen würden, mit einer Lässigkeit und in jeder Lebens- bzw. Bühnenlage (was hier heißt, hüpfend, liegend, auf den Boxen herumkletternd und Blickduelle mit einer Zuschauerin ausfechtend...und gewinnend. Anm. d. Verf.) ohne sich zu verspielen, als ginge es um nichts weiter als Blumengießen. Schlagzeuger Danny Walker sorgte dabei für ordentlich Druck von der Schlagbude und schien ohnehin sechs arme zu haben um spielen zu können was er da veranstaltet hat, von wegen langsame Friedhofsmusik! Hier wurde mächtig Dampf gemacht und in Sachen Timing, Fills und Offbeat-Einlagen könnte sich manch einer eine ordentliche Scheibe von dem Herrn abschneiden. Besonders schön ist dabei, dass die Band von Tour zu Tour die Arrangements ihrer Songs teilweise drastisch ändern und dem jeweiligen Thema und dessen Stimmung anpassen, um den Fans auch bei wiederholtem Besuch verschiedener Tourneen Abwechslung bieten zu können und vermutlich auch um sich selbst nicht zu langweilen.

Aber technisches Können allein macht noch keinen gelungen Auftritt. Zum Glück hört es bei dem Quartett aber auch nicht damit auf, ist die Bühnendarbietung doch durchsetzt von dem leicht extrovertierten und schon fast manischen Gebaren der Musiker, von dem die gerade so angesagten Visual Kei Bands aus Nippon noch verdammt viel lernen könnten, und von ihrem Talent mit dem Publikum zu kokettieren, was auch hier wieder erhöht für Bassisten Daniel galt. Gerade ihm kam die sehr intime Stimmung und aufgrund der Platzverhältnisse sehr große Nähe zum Publikum zu gute, da er so die Gelegenheit hatte mal nebenher nach einer Zigarette zu fragen, sich so dicht an meine Begleitung und mich zu stellen um ihr verträumt in den Ausschnitt zu starren (würde bei dem Anblick selbst ein Toter Anm. d. Verf.) oder kurz folgenden Dialog zu führen:
Daniel: „Any suggestions?“
Unbekannte junge Dame: „Yes! Ähm…the seventh song of the second album!!”
Daniel: “The seventh song of the second Album? Oh gee…what the hell was the seventh song of the second album?”
Unbekannte junge Dame: “Sorry, forgot the title but it’s the last one on the album.”
Daniel: “The seventh song on the second album…hey anyone! Does somebody know what the seventh song on the second album was called?”
(Allgemeine Stille)
“Anyone? Hey, if you say it right you get a t-shirt!! No? Sad…(murmelt weiter in den imaginären Bart) seventh song of the second album…”
Aber auch Sänger Lucas wusste durch theatrales verhalten zu begeistern, wobei er auch gerne die zum Outfit passenden Utensilien in Form eines Fächers und eines traditionellen japanischen Bambusschirms nutzte. Kein wunder also, als nach fünfzehn Songs das Publikum nach mehr verlangte. Und nach ein wenig zieren (und einer recht witzigen Monster frisst Künstler hinter der Tür zur Bühne Darstellung Anm. d. Verf.) kam der Verein zurück um noch einen draufzusetzen.
Und der gute Daniel murmelte noch immer:
Daniel: „Seventh song on the second album…what was the seventh song on the second album?“
Meine Begleitung: “I think it was ‘Matilde In The Dirt’”
Daniel: “’Matilde In The Dirt’? That’s a great idea!!”
Und so wurde nach kurzer Rücksprache mit den Bandkollegen (die offenbar mangels proben für diesen Song nicht sonderlich begeistert waren Anm. d. Verf.) mal schnell dieser Song runtergezockt. Als nach insgesamt drei zugaben mit ihrem größten Hit „Aboriginal Anemia“ ein fulminanter Schlusspunkt gesetzt wurde, war der Abend mehr als zufrieden stellend ausgeklungen und hinterließ ein sichtlich begeistertes Publikum und ich werde den Verdacht nicht los, nächstes Jahr die CINEMA STRANGE Tradition fortführen zu müssen.

Setlist:
Rat (Instrumental)
Quilt
Unlovely
X-Ray
Vial
Dead
Needle
Blaster
Flowers
Catacomb
Sadist
Hit
Trachea
Tendon
Grey
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Matilde In The Dirt
?? (ok, Gedächtnislücke)
Aboriginal Anemia
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