metal-district.de presents: Dorian Hunter

19. TANZ- UND FOLKFEST - Rudolstadt (03. - 05. 07.2009)

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An dem Wochenende, an dem sich ein Großteil der Metalgemeinde wohl eher auf dem Full Force getummelt haben dürfte, machte ich mich auf den Weg ins thüringische Rudolstadt zu einem Festival der ganz anderen Art: Das 19. Tanz- und Folkfest hatte gerufen und ich war diesem Ruf, zusammen mit zehntausenden anderen feierwütigen Weltmusikliebhabern wieder einmal gerne gefolgt.

Um dem Anreisestau am Freitag zu entgehen, bezogen wir bereits am Tag vor dem offiziellen Festivalbeginn unser Quartier auf dem Zeltplatz. Diese Strategie scheinen inzwischen immer mehr Festivalgäste zu verfolgen - im Gegensatz zu den letzten Jahren war das Campinggelände bereits am Donnerstagabend so gut gefüllt, dass dafür nicht alleine die Besucher des Sonderkonzerts verantwortlich gewesen sein dürften. Nach der alljährlichen Diskussion mit der Security konnten wir dank der netten Zeltplatz-Chefin unsere Zeltburg dann auch am gewünschten Platz errichten (nochmals besten Dank an die Dame, ich hoffe der Kaffee hat geschmeckt!).

So konnten wir also den nächsten Tag mehr oder weniger ausgeschlafen beginnen und völlig stressfrei die letzten Vorbereitungen (Lebensmitteleinkäufe, Bändchenumtausch etc.) in Angriff nehmen. Sagte ich stressfrei? Nun ja vielleicht, sieht man einmal vom Wetter ab, das an eine dampfend heiße Waschküche erinnerte…

Reiseroute Freitag (Global): Russland – USA – England/ Indien/ Nordafrika – Peru – England

Die drückende Schwüle ließ auch gegen Abend kaum nach, und so kamen wir alle schon ziemlich geschlaucht auf der Burgterrasse an, um unserem ersten Konzert dieses Wochenendes zu lauschen - der Bläsercombo PAKAVA IT, die im Rahmen des Länderspecials Russland auftraten. Leider konnten mich die „Fanfaren Moskaus“ aber nicht so recht mitreißen. Die Band begann ihr Set zunächst ohne den irgendwo verlustig gegangenen Schlagzeuger, und als dieser endlich da war suchte der Mischer noch eine Zeitlang anscheinend vergeblich den Regler für die Bassdrum. Erst gegen Ende bekam deChicago Bluesr Auftritt den Drive, den ich mir eigentlich im Vorhinein erwartet hatte. Nicht so wirklich ein Auftakt nach Maß also, und so machten wir uns dann auch mit recht gemischten Gefühlen wieder an den Abstieg, um den Rest des Abends im Park zu verbringen. Dort angekommen verbesserte sich die Laune jedoch schlagartig - wie auch anders möglich bei derart genialer Musik? Bei CHICAGO BLUES: A LIVING HISTORY ist der Name tatsächlich Programm: Die Gruppe vereint so ziemlich alle noch lebenden Legenden des Chicago Blues (Billy Boy Arnold, Lurrie Bell u.a.) auf einer Bühne, und dem erdigen Groove dieser Ausnahmeformation zu entkommen war schlichterdings unmöglich. Die Füße begannen wie von selbst im Takt mitzuwippen und die Mundwinkel verzogen sich so langsam nach oben, um das bei uns inzwischen schon sprichwörtliche Rudolstadt-Lächeln auf die Gesichter zu zaubern. (Böse Zungen behaupten mithin, dass dieses selige Grinsen weniger an der Musik als vielmehr am steigenden Köstritzer-Gehalt im Blut liege, was ich allerdings entschieden bestreiten muss!). So richtig in die TFF-Umlaufbahn katapultierte mich dann allerdings erst der nächste Act: Das multikulturelle Londoner Musikerkollektiv TRANSGLOBAL UNDERGROUND, eigentlich sowieso schon „nur“ der Ersatz für den abgesagten Auftritt von NITIN SAWHNEY, hatte wegen Terminschwierigkeiten der aktuellen Sängerin sehr zu meinem Entzücken einfach mal die alte Frontfrau im Gepäck: NATACHA ATLAS. - Die in Brüssel geborene Sängerin mit nordafrikanisch-arabischen Wurzeln zählt nun schon seit Transglobal Undergroundgeraumer Zeit zu den wirklich großen Stimmen der Weltmusik, was sich nicht zuletzt an diversen Kooperationen mit Weltstars wie Peter Gabriel, Nigel Kennedy oder Jimmy Page & Robert Plant ablesen lässt. Ein Auftritt, der also sozusagen zweimal aus der Not geboren wurde, der jedoch derart Spaß gemacht hat, dass ich das deswegen verpasste MAGIC LUTES Konzert darüber (zumindest fast) verschmerzen konnte. Diejenigen von uns, die sich anders entschieden hatten, kamen dann allerdings hochauf begeistert wieder zurück in den Heinepark, so dass ein gewisses Bedauern dennoch bleibt. Irgendetwas bleibt bei dem reichhaltigen Rudolstädter Angebot ja meistens auf der Strecke, aber das Magiekonzert, eines der unbestrittenen Highlights des Festivals, verpasst zu haben tut schon ein bisschen weh, zumal mich gerade die Laute durchaus interessiert hätte. Naja, sei’s drum! Im Park ging der Abend dann südamerikanisch zuende: NOVALIMA aus Peru unterhielten das feierwütige Volk mit einer Mischung aus Afro- und Latin-Discobeats bis spät in die Nacht. Doch sagte ich, der Abend ging zuende? Natürlich mitnichten… Auf dem Rückweg zum Zeltplatz stolperte ich dann doch noch über ein weiteres Highlight: Im Tanzzelt waren WHAPWEASEL einfach nicht tot zu kriegen. Eigentlich hätte die von den Melodeonspielern Robin Jowett und Brian Bell gegründete englische Volkstanzcombo ihren Auftritt schon seit einer halben Stunde beendet haben sollen, doch Band und Tänzer schienen gar nicht ans aufhören zu denken, und die gute Stimmung im Zelt hielt auch mich dann noch für ein paar Songs dort fest.

Reiseroute Samstag (Europa): Schwaben/ Frankreich – England – Lettland – England – Schottland – Dänemark/ Faröer Inseln – Chiemgau – England

WhapweaselNach einer wenn auch kurzen, aber doch halbwegs erholsamen Nacht (es hatte tatsächlich ein wenig abgekühlt) und einem ausführlichen Frühstück ging es am frühen Samstag Nachmittag wieder in den Park, den ich tatsächlich auch für den Rest des Tages nicht mehr verlassen sollte. Den Auftakt bildete für uns LA MARMOTTE, die im Tanzzelt einen Workshop für in der Hauptsache bretonische Tänze gaben. Zum Mittanzen konnte sich von uns allerdings ob der schon wieder deutlich gestiegenen Temperaturen dann doch keiner motivieren. So zogen wir es vor, es uns im Schatten neben dem Zelt bequem zu machen und den französisch-bretonischen Klängen der Gruppe aus dem Schwabenland zu lauschen, die sich im Übrigen u.a. aus Musikern von ADARO und HÖLDERLIN EXPRESS zusammensetzt. Aber auch das bloße Beobachten der Tänzer besaß durchaus einen gewissen Spaßfaktor. Mir gefiel vor allem der abschließende, allerdings nicht aus Frankreich sondern Wales stammende Tanz, bei dem sich jeweils 2 Frauen einen Mann „fangen“ mussten und der auch den Workshopteilnehmern sichtlich Vergnügen zu bereiten schien.

Unser schattiges Plätzchen erschien uns dann so komfortabel, dass wir beschlossen von dort auch noch den nächsten Workshop als Zaungäste mitzunehmen: Englische Tänze mit – na mit wem wohl – WHAPWEASEL natürlich. Die Briten erwiesen sich auch beim zweiten Mal Sehen als absolute StimmungsmacAuliher, auch wenn die Musiker sichtlich unter den saunaartigen Zuständen im Zelt zu leiden hatten, denen sie mittels Fächern, Ventilatoren und Bier entgegenzuwirken versuchten.

Die beiden nächsten Konzerte, die ich auf meinem Plan hatte fanden dann gleich nebenan im Konzertzelt statt, und sie hätten unterschiedlicher kaum sein können:

Zunächst enterte die lettische Dudelsacktruppe AULI die Bühne, die mit ihren archaisch anmutenden Klängen das Publikum schnell in Bewegung versetzten. Angesichts der dicht gedrängten tanzenden Masse erreichten die Temperaturen im Zelt bald nahezu unmenschliche Werte, was auch die Band an ihre Leistungsgrenze brachte. Trotzdem spielten sich die Musiker die Seele aus dem Leib. Ich bin ja schon seit längerer Zeit nicht mehr unbedingt ein Fan von quäkenden Säcken und donnernden Trummeln, was von einer Übersättigung durch derartige Bands auf diversen Mittelalter-Veranstaltungen herrühren mag, doch hier konnten mich AULI wirklich positiv überraschen: Gar nicht quäkig-monoton, sondern im Gegenteil sehr abwechslungsreich kamen die Stücke daher, was teilweise auch an deutlich hörbaren russischen Einflüssen gelegen haben mag. Endlich mal wieder ein Pipe&Drum-Band die so richtig Spaß gemacht hat!

Rachel UnthankNach einer kurzen Pause dann das Kontrastprogramm: Die northumbrischen Geschwister Rachel & Betty Unthank betraten die Bühne und verzauberten mit zarten, jedoch teilweise leicht schrägen englischen Volksweisen, lediglich begleitet von Belinda O’Hooley am Piano und Niopha Keegan an der Fiddle. Im TFF-Programmheft waren RACHEL UNTHANK & THE WINTERSET beschrieben worden als die Mitte zwischen LOREENA MCKENNIT und ANTONY & THE JOHNSONS. Wo genau ich hier Loreena erkennen sollte weiß ich zwar bis jetzt immer noch nicht, aber eigentlich ist das auch völlig nebensächlich, denn die beiden Schwestern schafften es mühelos, das andächtig lauschende Publikum mit gänzlich eigenem Charme um den Finger zu wickeln. Nach dem abschließenden „Farewell Regality“ hatte man irgendwie das Gefühl, man wäre ganz plötzlich aus einer anderen Welt zurück in den lauten Festival-Trubel geworfen worden.

Zeit allerdings, sich langsam wieder zu akklimatisieren war nicht vorhanden, es galt schnell zur großen Parkbühne zu wechseln, um nicht den Anfang von CAPERCAILLIE zu verpassen. Die Gruppe umSängerin Karen Matheson zählt zwar zu den dienstältesten schottischen Folkacts, ist sie doch seit nunmehr 25 Jahren aktiv, doch erst jetzt, zum silbernen Bandjubiläum fanden sie den Weg zum TFF. Im Laufe der Zeit sahen sich CAPERCAILLIE immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würde eher Pop- als Folkmusik machen - ein Vorwurf, der bezogen auf die Studioalben der Gruppe,Capercaillie zum Teil auch durchaus berechtigt erscheint. Über die Live-Performance lässt sich das allerdings in keinster Weise behaupten: Allein die genialen Instrumentalduelle zwischen Michael McGoldrick (flutes & pipes), Donald Shaw (accordeon) und Charlie McKerron (fiddle) waren mitreißender Rootsfolk vom allerfeinsten und bewiesen, dass die Band noch lange nicht zum alten Eisen zählt.

Nach der letzten Zugabe der Schotten war erneut Eile geboten, denn im Konzertzelt hatte der Auftritt von VALRAVN schon vor einer halben Stunde begonnen.

Zu diesem Zeitpunkt war das Zelt natürlich schon gerammelt voll, aber aufgrund der immer noch recht hohen Temperaturen im Innenraum empfand ich das draußen stehen auch nicht unbedingt als störend, gesehen haben wir trotzdem so einigermaßen gut. Und das, was wir da gesehen und gehört haben, empfanden nahezu alle von uns als das absolute Highlight des gesamten Wochenendes: Nordische Melodien auf Flöte, Fiddle oder Drehleier, gepaart mit sphärischen Elektronikklängen und treibenden Trommeln und dazu mit Anna Katrin Egilstrøð eine absolut umwerfende Frontfrau, deren charismatische Performance ganz klar im Mittelpunkt des Ganzen steht. Die Stimme der von den Färöer Inseln stammenden Sängerin kommt mal zart und feenhaft, mal kraftvoll knarrend daher und erinnert teilweise stark an Islandelfe BJÖRK. Und als wäre eine Sängerin dieses Kalibers nicht genug, zauberten VALRAVN nach etwa einem Drittel des Sets noch eine weitere aus dem Hut: Die norwegische Gastsängerin Maria Franz stand Frau Egilstrøð an Stimmgewalt und Bühnenpräsenz in nichts nach und das Zusammenspiel der beiden auf der Bühne zu erleben war wirklich ein außergewöhnliches Erlebnis! (Der Dreadlock-Feuerkopf mit dem bezaubernden Vampirlächeln ist übrigens auch auf dem neuesten, in Rudolstadt sozusagen pressfrischen, Album der Band „Koder På Snor“ bei zwei Stücken zu hören und wird beim nächsten Deutschlandauftritt der Band auf dem Festival Mediaval in Selb ebenfalls mit von der Partie sein.) Der Auftritt der Dänen hat mich insgesamt jedenfalls mehr als begeistert und für mich zählt die Band eindeutig zum Besten, was Skandinavien seit GARMARNA hervorgebracht hat.

Valravn

Vom „Planet VALRAVN“ wieder zurück in die Niederungen bayrischer Blasmusik zu kommen erscheint zugegebenermaßen als ein recht weiter Weg. Dass er sich dennoch in recht kurzer Zeit bewältigen ließ, lag nicht nur an der räumlichen Nähe der beiden Bühnen, sondern ist zu einem großen Teil auch den Jungs von LA BRASS BANDA zu verdanken: Die Chiemgauer, die irgendwo zwischen Balkan und Polka auf ihren Blasinstrumenten von Captain Future bis SNAP so ziemlich alles verwursten, was ihnen unter die Finger kommt, hatten mich ja bereits im Vorprogramm von SCHANDMAUL überrascht, und auch hier brauchten sie nicht all zu lange, um dem Heineparkpublikum spät in der Nacht noch einmal so richtig einzuheizen. Wessen Tanzbein da nicht gezuckt hat, dem ist nicht mehr zu helfen! Nach einer gewissen Zeit machte sich bei mir der lange heiße Tag dann aber doch recht deutlich bemerkbar und ich verließ die Tuba-Party um meine Schritte zum heimatlichen Zelt zu lenken. (Mir wurde jedoch am nächsten Tag zugetragen, dass die Ansagerin bei der versuchten Abmoderation von LA BRASS BANDA wohl mehrmals vom Publikum schlicht von der Bühne gepfiffen wurde und die Band noch etliche weitere, ungeplante Zugaben geben musste.)

Doch wo führt der Weg zum Zeltplatz gleich noch mal vorbei? Beim Tanzzelt, genau! And guess who’s playing? – WHAPWEASEL! Again! Klappe, die Dritte also. Doch selbst die nach wie vor gut aufgelegten Angelsachsen schafften es nicht mehr wirklich, mir die Müdigkeit aus den Knochen zu treiben, und so strich ich dann auch hier vorzeitig die Segel.

Reiseroute Sonntag (Deutschland, mit einem kleinen Ausflug): Stuttgart – München – Leipzig – Dänemark/ Faröer die Zweite – Bad Reichenhall

Der Sonntag begann für mich mit einem ausgiebigen Bummel durch das bunte Festivaltreiben in der Stadt, ohne den sich ein TFF für mich einfach nicht vollständig anfühlt. Neben der Inspektion der zahllosen feilgHabanot Nechamaebotenen Waren und Spezereien, nach der sich meist der Inhalt des Geldbeutels deutlich leichter anfühlt als vorher, stolpert man dabei auch über die ein oder andere Band, die man zwar nicht auf dem Plan hatte, die dann aber so gut ist, dass sie es vermag, einen doch kurz vor einer der Bühnen verweilen zu lassen. So bei mir geschehen mit DEITSCH auf der großen Marktbühne. Leider konnte ich nur die letzten 5 Stücke miterleben, aber die Spielfreude und musikalische Qualität der Schwaben, die sie bei der Interpretation deutschen Volksliedguts an den Tag legten, war wirklich mitreißend und wurde vom Publikum auch zu recht heftigst beklatscht.

Die nachfolgenden SCHWUHPLATTLER habe ich mir dann jedoch nur kurz angetan. Bayerns einziger schwuler Schuhplattlerverein, dem aufgrund dieser Tatsache nach wie vor die Aufnahme in den bayrischen Schuhplattler-Dachverband verweigert wird, war musikalisch einfach nicht so mein Fall. Oder um einen meiner Mitreisenden zu zitieren: „Man kann ja lieben wen man will – aber Schuhplattler??!!??“ Trotzdem auf diesem Wege ein Kompliment an die Buam: Weiter so und lasst Euch nicht unterkriegen! Irgendwann werden hoffentlich auch die Bayern aus der Steinzeit erwachen…

Nach einer weiteren Runde durch die malerische Rudolstädter Innenstadt kehrte ich schließlich aber doch wieder zur Marktbühne zurück, um wenigstens einen Teil des Auftritts von HABANOT NECHAMA mitzuerleben. Die israelische Girlband mit den übergroßen Sonnenbrillen (waren die wirklich nur wegen der Sonne nötig?) bot eine recht kurzweilige Mischung aus Folk, Blues, Soul und Reggae, die ich mir gerne noch länger angehört hätte, wäre da nicht schon wieder die nächste Band auf meinem persönlichen Programmplaner gewesen, die mich von der Markt- zur Neumarktbühne eilen ließ:

BrandanBRANDAN versprachen eine höchst interessante Kombination aus frühmittelalterlichen Texten und musikalisch eher zeitgenössischen Einflüssen, vornehmlich Jazz und Pop, aber auch Elementen aus der klassischen Musik und außereuropäischer Folklore. Um es kurz zu machen, meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht! Die Leipziger, die nach dem Wegfall der regulären Neumarktbühne mit einem nicht überdachten Podium vorlieb nehmen mussten, sprühten trotz der brutalen Sonneneinstrahlung vor Spielfreude, was leider aber vom Publikum nicht gänzlich honoriert wurde. Zwar erntete die Band für ihre Darbietung durchaus großen Applaus, doch zogen es die meisten vor, sich im Schatten der Häuserwände aufzuhalten und das ganze aus dem Hintergrund zu verfolgen. Nun ja, bei den Temperaturen aber vielleicht auch verständlich.

Hatten wir das Festival am Freitag auf der Heidecksburg begonnen, so kehrten wir jetzt für die beiden letzten Konzerte des Wochenendes wieder dorthin zurück. Den zweiten Auftritt von VALRAVN kann ich hier eigentlich übergehen, den Ausführungen zum ersten Konzert ist kaum etwas hinzuzufügen, zumal Worte diese Band sowieso nur begrenzt beschreiben können - man muss sie einfach live erleben! Man möge mir also verzeihen, wenn ich hier lediglich auf unsere Gallery verweise, da gibt es ein paar nette Bilder vom Burgauftritt der Dänen.

Die Ehre, das Festival offiziell zu beenden, gebührte 2009 dem bayrischen Liedermacher HANS SÖLLNER, der in diesem Jahr auch (in der nationalen Kategorie) mit dem Weltmusikpreis „RUTH“ ausgezeichnet wurde, wofür er sich beim Konzert in seiner unnachahmlichen Art bedankte: „Dankscheen für den Preis, I hob ja gar net gwußt, dass I an am Wettbewerb teilgnumma hob.“ (Oder zumindest so ähnlich…) Zusammen mit seiner momentanen Band BAYAMAN’ SISSDEM spielte der inzwischen wieder kurzhaarige aber immer noch bekennende Rastafari sich einmal quer durch sein inzwischen beträchtliches Werk, da durften natürlich auch Kracher wie „Marihuanabaam“ oder „Edeltraut“ nicht fehlen. Insgesamt fällt aber auf, dass der einstige Rebell inzwischen doch wesentlich leisere Töne anschlägt. Mag man es als Altersmilde ansehen, aber zum Teil vermisst man in dem ganzen Weltverbesserertum nach dem Motto „Habt Euch alle lieb“ doch ein wenig die alte politische Schärfe. Nichtsdestotrotz auf jeden Fall ein würdiges Abschlusskonzert für ein einmal mehr grandioses Wochenende.

Soellner

Eigentlich könnte ich hier schließen, wenn es nicht doch noch ein paar kleine Kritikpunkte gäbe, die ich gerne anmerken würde.

Da wäre zum einen das leidige Thema mit den Taschenkontrollen: Ich kann ja Security-Mitarbeiter verstehen, die meinten sie hätten eben die entsprechende Anweisung bekommen, klar, die Jungs machen auch nur ihren Job. Aber wozu das Ganze?? So viel wie man an diesem Wochenende trinken musste um auch nur halbwegs lebendig zu bleiben, konnte man in keinem noch so großen Rucksack transportieren. Und anscheinend ging es ja auch, abgesehen von der Burg, lediglich um Glasflaschen. Womit man allerdings deren Verbot auf dem Veranstaltungsgelände begründen will, wenn man sie doch dort überall kaufen kann (Supermarkt in der Innenstadt bzw. Obstweinstände im Park und auf der Burg) ist mir auch ein wenig rätselhaft. Wenn man, was bei einem Festival wie dem TFF der Normalfall ist, ständig zwischen den verschiedenen Locations wechselt, gehen diese ständigen Rucksackkontrollen wirklich extrem auf die Nerven. Richtig unverschämt wird das Ganze dann aber, wenn man sich als Festivalbesucher an einem Stand in der Stadt (Finn-Biss) ein Getränk kauft, und sich dafür beim Einlass zur Burg rechtfertigen muss, nur weil der Becher eben etwas anders aussieht. – Geht’s noch???

Und wenn wir schon einmal beim Thema Getränke sind: Falls sich die Schankbetreiber Sorgen um Umsatzausfall durch Fremdgetränke machen, sollten sie vielleicht zunächst einmal überlegen, ob mangelnder Umsatz nicht auch am Schankpersonal liegen könnte. Ich will jetzt wirklich nicht alle über einen Kamm scheren, da gibt es bestimmt einige, die trotz der Hitze einen tollen Job gemacht haben, aber, und ich werde mich für dieses harsche Wort jetzt auch nicht entschuldigen, ich habe selten so viel unfähiges Tresenpersonal erlebt, wie in diesem Jahr. Fehlendes Rechen- oder Merkvermögen könnte man ja vielleicht noch mit den tropischen Temperaturen entschuldigen. - Spätestens aber, wenn das Personal trotz langer Schlangen lieber ein ausgedehntes Pläuschchen mit gerade anwesenden Nachbarn hält, und es vorzieht die teilweise schon eine Viertelstunde wartende Kundschaft ganz einfach zu ignorieren, wird das Ganze, sowohl für den durstigen Gast wie auch den einnahmewilligen Wirt, zu mehr als nur einem Ärgernis. Letzteres ist mir selbst in diesem Jahr gleich 2x passiert und zudem sah ich während des gesamten Wochenendes so manchen, der nach einer halben Ewigkeit Schlange stehen an einem Getränkestand entnervt aufgab und sein Glück woanders versuchte.

Vom Trinken zum Essen: Was uns immer wieder schon seit Jahren negativ auffällt, ist das Essensangebot auf der Burg. Dabei meine ich jetzt nicht unbedingt die Qualität, sondern eher die mangelnde Auswahl, vor allem was vegetarische Verpflegung angeht: Man hat im Grunde genommen nur die Auswahl zwischen in Backteig frittiertem Weißkohl und Kuchen. Ich nehme schwer an, dass es die Betreiber der hauseigenen Burggastronomie sind, die einem zusätzlichen Angebot auf Burgterrasse bzw. im Burggarten negativ gegenüberstehen, aber Leute, lasst Euch da bitte echt mal was einfallen, für Vegies ist die gastronomische Situation da oben wirklich desolat!

Den letzten Kritikpunkt möchte ich mit einigen Überlegungen verbinden: Wir waren definitiv nicht die einzigen, die in diesem Jahr über die Menschenmassen gestöhnt haben, vor allem Freitagabend im Heinepark, aber auch zum Teil in der Innenstadt. Dort hat die Situation ja schon zur Wegfall der regulären Neumarktbühne geführt, ein wie ich finde nachvollziehbarer und richtiger Schritt. (Obwohl ich mich trotzdem zu den altgedienten Hasen zähle, die dieser Bühne, ob der dort erlebten schönen Konzerte ein wenig nachtrauern…)

Ich weiß nicht, ob sich bei dem vielfältigen Angebot an unterschiedlich gültigen Tickets ein Weg findet, das Kartenkontingent sinnvoll zu limitieren, aber zumindest ansprechen kann man das Thema ja mal. Genau wie auch die Frage des Konzertzelts, das meiner Meinung nach ebenfalls am Ende seiner Kapazität angekommen ist. Bei allen drei Konzerten, die ich in diesem Jahr dort gesehen habe, standen Massen von Leuten vor dem bzw. um das Zelt und sahen zum Teil nicht wirklich viel, während die drinnen Schwitzhütte pur hatten. Hier könnte man etwa darüber nachdenken, ob man das Zelt nicht durch eine Open-Air-Bühne in gleicher Größe ersetzen sollte.

Dennoch, auch bei aller Kritik an mancher Stelle, das diesjährige TFF war einmal mehr ein unvergesslich schönes Wochenende mit toller Musik und interessanten Begegnungen. Natürlich unterlag die Auswahl der besuchten Konzerte meinem eigenen, völlig subjektiven Geschmack – alles zu sehen ist beim TFF definitiv mal unmöglich. Andere hätten sich bestimmt Anderes angesehen, so kamen auch Mitglieder unserer Reisetruppe völlig begeistert etwa von den MAGIC LUTES, VIOLONS BARBARES, LUCINDA WILLIAMS oder TI-COCA & WANGA-NÈGÈS zurück, über alle die ich hier leider nichts berichten kann, da meine persönlichen Reiserouten mich auf andere Pfade führten. Allen Ungläubigen aber kann ich nur immer wieder entgegnen, dass auch drei Tage völlig ohne Metal trotzdem verdammt rocken können…! Und so heißt es für mich im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder: Auf nach Rudolstadt! Und da es mein persönliches 10jähriges Festivaljubiläum werden wird, freu ich mich darauf natürlich ganz besonders.

 

Burggarten Ausblick

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Zu diesem Livebericht:

Autor:
redbeard

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Artikel eingestellt:
17.07.2009

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