Festival Mediaval VI - Selb, Goldberg (06.-08.09.2013)

Festival Mediaval VI - (06.-08.09.2013) - Selb, Goldberg

Nach dem kleinen Jubiläum 2012 öffnete das Festival Mediaval in Selb in diesem Jahr nun bereits zum sechsten Mal seine Pforten, um Mittelalterfreunden, Musikbegeisterten, Fantasy-Fans, Reenactern und ähnlich verrücktem Volk zum Saisonende noch einmal ein Wochenende der Extraklasse zu bescheren.

 

Freitag - 06.09.2013

Eröffnung, Totus Gaudeo, Unshine, Omnia, Feuerschwanz, Faun

Samstag - 07.09.2013

Elmsfeuer, Kauna, PurPur, Dandelion Wine, Euzen, Gny, Sandsacks, Poeta Magica, Winterstorm, Garmarna

Sonntag - 08.09.2013

Obscurus Orbis, Strömkarlen, BerlinskiBeat, Wolfmare, Cara, Valravn, Covus Corax & Wadyoko, Ausblick

 

Freitag

 

Rein äußerlich war für den Besucher kaum ein Unterschied zu den Vorjahren erkennbar, das Festivalgelände auf dem Goldberg präsentierte sich wie eh und je: Oben die große Schlossbühne und unten die etwas kleinere Burgbühne, dazwischen, auf mehreren Terrassen gelegen, die verschiedenen Märkte und Kleinkunstbühnen. Für alle, die bereits seit mehreren Jahren zu Gast in Selb sind, stellte sich dadurch sofort wieder ein wohlig-heimeliges Gefühl ein.

Eröffnung / Festival-Orga

Hinter den Kulissen jedoch hatte sich im Lauf des vergangenen Jahres so einiges verändert: Mit Rudolf „Rudl“ Meier und Oliver Karolkewik hatten sich gleich zwei der drei Gründungsväter des Festivals nach 5 Jahren aus privaten Gründen aus dem Organisationsteam verabschiedet und auch zahlreiche weitere langjährige Helfer waren in diesem Jahr nicht mehr dabei. Karl-Heinz „Bläcky“ Schwarz, der einzig verbliebene des Trios, nahm dies zum Anlass, bei der Eröffnung deren Arbeit in den vergangenen Jahren zu würdigen und dabei gleich das runderneuerte Team auf der Bühne vorzustellen. Einigen war dabei anzumerken, dass sie sich auf der großen Bühne nicht wirklich wohl fühlten und sie froh waren, möglichst schnell wieder zu ihren Wirkungsstätten hinter den Kulissen zurückkehren zu können. Dennoch eine schöne Idee, um dem Publikum einmal mehr bewusst zu machen, wie vieler Hände Arbeit hinter einem solchen Mammutunternehmen wie dem Festival Mediaval steckt. Einen weiteren Wechsel gab es in der Lokalpolitik. Selbs neuer Bürgermeister Ulrich Pötzsch zeigte sich bei seiner angenehm kurzen Begrüßungsrede jedoch dem Festival gegenüber genau so aufgeschlossen wie sein Vorgänger – ein neuer Fünfjahresvertrag ist bereits unterzeichnet.

Nach den zahlreichen Würdigungen, Vorstellungen und Reden oblag es dann der Gruppe TOTUS GAUDEO das Festival zu eröffnen. Mit ihrer Gute-Laune-Show schafften es die Landshuter mühelos, das Publikum musikalisch aufs Wochenende einzustimmen. Klarer Dreh und Angelpunkt der Performance war dabei Energiebündel Katrin "Ekatarina" Wernthaler an Geige und Drehleier.

Totus Gaudeo

Ganz anders kam dann der folgende Act auf der Burgbühne daher. Die Finnen UNSHINE bildeten den Auftakt des Nordic Special und präsentierten dem Publikum weniger mittelalterliche und dafür wesentlich härtere Klänge. Die Band selbst bezeichnet ihren Stil als „Druid Metal“. Bei mir hinterließ die Mischung aus Gothic und druckvollen Gitarrenriffs einen etwas zwiespältigen Eindruck – zu viele Brüche innerhalb der Songs machten es schwer, so richtig in die Musik einzutauchen.

OmniaAlte Bekannte gaben sich im Anschluss auf der Schlossbühne die Ehre. Die Paganfolker OMNIA waren seit dem ersten Jahr bei jedem Festival dabei und gehören damit gewissermaßen schon zum Inventar auf dem Goldberg. Dabei waren sie diesmal eigentlich gar nicht eingeplant, denn eigentlich sollten an dieser Stelle GJALLARHORN aus Finnland auf der Bühne stehen. Nach deren Absage jedoch war ein Ersatz gefragt und durch die langjährige Verbundenheit erklärten sich OMNIA schnell bereit, dem Festival auch diesmal einen Besuch abzustatten. Der nachmittägliche Programmplatz war für die Holländer zwar ein wenig ungewohnt, doch schaffte es die Truppe um das charismatische Paar Steve und Jenny Evans-VanderHarten auch auf dieser Position die Menge zu begeistern. Auch nach sechs Jahren ist das Publikum der Band in keinster Weise müde, und so wird es sicher viele freuen, wenn an dieser Stelle verraten werden kann, dass sie auch 2014 wieder mit dabei sein werden. Wie man es von den Auftritten der Band beim Festival Mediaval gewohnt ist, hatten die Niederländer auch wieder jede Menge Gäste auf der Bühne, wie Maria Franz, die Sängerin der befreundeten dänischen Band EUZEN, den „Vater der Kontaktjonglage“ KELVIN KALVUS oder die Feuerkünstlerin Yulya Kholeva alias AYUNA.

FeuerschwanzEbenfalls keine Mediaval-Neulinge waren die Spaßvögel von FEUERSCHWANZ. Bereits beim ersten Festival hatten sie die Festivalgäste mit ihrem schrägen Mittelalter-Comedy-Rock erfreut, nun kehrten sie nach vier Jahren Pause auf den Goldberg zurück. Der derbe Humor der Erlanger ist immer noch Geschmackssache, in Punkto Show macht dem „geilen Haufen“ allerdings niemand etwas vor. So sorgten neben der Band auch die beiden Animier-Miezen und die traditionelle Metspeisung des Publikums für jede Menge Spaß und gute Laune. Wurde der Honigtrunk dem Publikum anno 2008 noch in großen Hörnern dargereicht, kamen die Selber nun zum ersten Mal in den Genuss der „Metmaschine“, die das leckere Gesöff mit Hilfe von Gartenschläuchen in die gierigen Mäuler der Fans fließen ließ.

Auf den Headliner des Abends war ich dann einigermaßen gespannt, denn ich hatte FAUN länger nicht live gesehen und die letzte Veröffentlichung der Band hatte mich doch ziemlich enttäuscht. Meine Sorgen waren jedoch weitgehend unbegründet, denn die Band spielte lediglich zwei Stücke vom kontrovers diskutierten Album „Von den Elben“ und präsentierte stattdessen jede Menge Highlights aus der inzwischen 14jährigen Bandgeschichte. FAUN, die genau wie OMNIA bereits zum sechsten Mal in Selb zu Gast waren, boten einen musikalisch wirklich packenden Auftritt, der mit Schlager nun wirklich nichts am Hut hatte. Frontmann Oliver SaTyr kommentierte nach einem besonders wilden Stück dann auch leicht ironisch: „Das war jetzt für alle, die denken, wir würden Pop-Musik machen.“ Bei einem Song bekamen die FAUNe dann auch noch Besuch auf der Bühne: Kontaktjonglage-Fee Beatrice Baumann, die ebenfalls schon zu den alten Goldberg-Hasen zählt und unter ihrem Künstlernamen BEATRITSCHE auch wieder mit zahlreichen eigenen Auftritten, Walking Acts und Workshops auf dem Gelände vertreten war, ließ passend zu „Pearl“ die Glaskugeln tanzen. Ein wirklich schönes Konzert und ein absolut würdiger Abschluss des ersten Festivaltages.

Faun

Doch was heißt Abschluss? Die polnische Künstlertruppe THEATRE OF SHADOW EVOLUTION unterhielt nimmermüde Besucher im Anschluss vor der Burgbühne noch mit einer Theaterperformance um Liebe und Eifersucht in Zeiten des Mittelalters.

 

Samstag

 

Elmsfeuer

Der Samstag morgen begann dann gleich mit einem echten Highlight: ELMSFEUER, die Gewinner des goldenen Zwergs in der Sparte „Rock“ beim letztjährigen Nachwuchsaward, verwandelten die Burgbühne kurzerhand in ein Piratenschiff und entführten die Zuschauer auf eine gutgelaunte musikalische Kaperfahrt. Die Hessen, die im Mai ihren ersten Longplayer „Schatzsuche“ veröffentlicht haben, präsentierten sich im Vergleich zum Auftritt im letzten Jahr noch einmal deutlich musikalisch gereift und hatten keinerlei Mühe ihre zahlreich anwesenden Fans zum schunkeln und tanzen zu bringen. Ein Tagesauftakt nach Maß – Arrrrrr!

KaunaWeitaus ruhiger startete der Samstag dann oben auf der Schlossbühne, wo ein prominentes Duo sein neues gemeinsames Projekt vorstellte: Boris Koller, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Gruppen wie ESTAMPIE und POETA MAGICA an der Nyckelharpa und Oli SaTyr (FAUN/FOLKNOIR) an der Laute präsentierten als Teil des Nordic Specials traditionelle skandinavische Instrumentalmusik, die für den ungeübten Hörer teilweise schwere Kost sein mochten. So sah sich Oli auch zwischenzeitlich zu einer Erklärung gezwungen: „Wundert Euch nicht, wenn das ein oder andere Stück ein wenig schräg klingt. Das liegt daran, dass Boris eine sehr spezielle Art der Nyckelharpa benutzt, mit der man auch Vierteltöne spielen kann. Also wenn es für Euch den Eindruck macht, dass es schief klingt, dann ist das so gewollt und stimmt so.“ Das Publikum goutierte – trotz der ungewohnten Hörerfahrung – die zahlreichen Polskas mit herzlichem Applaus, der den beiden Künstlern sichtlich gut tat. Premiere gelungen!

Das anschließende Konzert von SATOLSTELAMANDERFANZ auf der Burgbühne bekam ich dann leider nicht mit, denn mich zog es zum Auftritt von PURPUR auf der kleinen Theaterbühne. Die beiden Bardinnen Leonora und Gabria aka Judith und Christine zählen ebenfalls bereits zu den langjährigen Stammgästen beim Festival Mediaval und hatten diesmal ihr brandneues Album „Zwillingsfolk“ im Gepäck. Die wunderschönen Stimmen der beiden und Stücke wie „Valkyrensang“, „Eine Hexe bin ich nicht“ oder auch Klassiker wie das „Wolfskind“ bezauberten die Zuhörer und bescherten auch mir das erste wirkliche Gänsehauthighlight des Wochenendes.

PurPur

Dandelion WineUnd es ging qualitativ hochwertig weiter: mit DANDELION WINE war in diesem Jahr zum ersten Mal eine Band aus Down Under zu Gast auf dem Goldberg. Ihren Europatrip hatte sich die Band, die ihren Aufenthalt auf dem Goldberg sichtlich zu genießen schien, zum großen Teil über eine Online-Crowdfunding-Kampagne finanziert. Veranstalter Bläcky hatte dabei die Entscheidung über die Haarfarbe von Sängerin Naomi Henderson ersteigert, und ließ die Mediaval-Besucher im Vorfeld im Festival-Forum darüber abstimmen. Gemäß der mehrheitlichen Entscheidung präsentierte sich Naomi in Marine-Blau. „Vielen Dank für Euren guten Geschmack! Ich hatte mich wirklich davor gefürchtet, dass es gelb oder etwas ähnliches werden würde“, lachte die sympathische Künstlerin zu Beginn des Konzerts. Australien und Mittelalter passen nun ja eigentlich nicht wirklich zusammen und so präsentierte das Duo dann auch Musik, die vom Stil her stellenweise ein wenig an Bands wie FAITH AND THE MUSE erinnerte. Die meisten nutzen die Gelegenheit, sich auf der Wiese vor der Bühne niederzulassen und ganz in Ruhe den mystisch-elektronischen, aber stellenweise auch durchaus druckvollen Klängen der Australier zu lauschen.

Ähnlich „unmittelalterlich“ ging es dann unten auf der Burgbühne weiter. EUZEN aus Kopenhagen entführten das Mediaval-Publikum auf eine Reise in ein ganz eigenes Universum. Die Musik der Dänen einzuordnen ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit – irgendwo zwischen Pop, Rock, Gothic, Steampunk, Folk und Elektronik schaffen EUZEN einen Klangkosmos, in dem man sich verlieren und immer wieder Neues entdecken kann. Obwohl die Band zum ersten mal zu Gast in Selb war, waren zumindest zwei der Protagonisten keine Goldberg-Neulinge mehr. Elektroniker und Mastermind Christopher Juul konnte man 2009 und 2010 bereits zweimal mit VALRAVN auf der Bühne erleben, ebenso wie seine Lebensgefährtin und EUZEN-Frontfrau Maria Franz, die bei diesen beiden Konzerten bei einigen Songs als Gastsängerin dabei war. Der gebürtigen Norwegerin mit den roten Dreadlocks gelang es mit ihrer charismatischen Performance und ihrer ausdrucksstarken Stimme das Selber Publikum mühelos um den Finger zu wickeln. Doch obwohl Maria bei den Konzerten klar im Mittelpunkt steht, gründen sich die Livequalitäten von EUZEN darauf, dass sie dabei von vier weiteren Ausnahmemusikern unterstützt wird. Erwähnenswert ist hier vor allem auch die Rhythmus-Sektion der Band mit Kristian Uhre am Schlagwerk und Jon Pold am Fünfsaiter-Bass. Die beiden funktionieren auf der Bühne wie ein eingespieltes Uhrwerk und sorgen so für den nötigen Druck. Bei einem Stück bekamen EUZEN dann auch noch Besuch auf der Bühne von zwei alten Freunden, die sich damit sozusagen für Marias Gastauftritt beim eigenen Konzert am Vortag revanchierten. Während Steve von OMNIA mit Maria im Duett sang gab seine Lebensgefährtin Jenny derweil mit Christopher eine vierhändige Klaviereinlage. Aufmerksamen Metal-District-Lesern der letzten Jahre dürfte ja nicht verborgen geblieben sein, dass ich ein großer Fan der Band bin. Dass ich damit beileibe nicht alleine dastehe zeigte der frenetische Applaus und der Run auf die CDs am Merch-Stand am Ende des Konzerts. Ein weiterer Gänsehautmoment an diesem Wochenende.

Euzen

Auch die nächste Band war aus Dänemark angereist. Im kompletten Gegensatz zu den avantgardistischen Klängen von EUZEN lieferte das ebenfalls in Kopenhagen ansässige Quartett GNY dann allerdings eine sehr traditionell dargebotenen Auftritt, mit einer Mischung aus alten panskandinavischen Melodien und Rhythmen und dänischen Folksongs. Die Gruppe lieferte dazu gleich noch einen kleinen Tanzworkshop: Sängerin Nanna Solveig Barslev-Larsen begab sich bei einem Stück mit ihrem Funk-Mikro ins Publikum und leitete eine fröhlichen Reihentanz an, der sich dann auch bei den folgenden Stücken munter fortsetzte.

The SandsacksMit dem Auftritt der SANDSACKS erfuhr der diesjährige Skandinavien-Schwerpunkt dann eine kleine Unterbrechung. Der rockige Irish Folk der Band bot stattdessen schon einen kleinen Ausblick auf das Celtic-Special im nächsten Jahr. Mit Klassikern wie „Nova Scotia“ oder „Mary's Wedding“ brachten die Berliner die Meute vor der Burgbühne gehörig zum mitsingen und tanzen.

Auf das, was dann anschließend auf der Schlossbühne aufgeführt wurde, hatten viele seit zwei Jahren gewartet. Bereits 2011 hatte die deutsch-schwedische Gruppe POETA MAGICA eine Schar illustrer Gäste für ein einzigartigen Konzerts auf dem Goldberg versammelt. Leider wurde der damalige Headliner-Auftritt am Sonntag durch ein plötzliche einsetzendes Unwetter vorzeitig beendet. Nachdem die Wiederholung eigentlich schon im letzten Jahr angekündigt war, kam es im Rahmen des Nordic Special nun endlich zur Neuauflage des Edda-Projekts. Auch diesmal hatte die Band dazu wieder einige Gäste mitgebracht: neben dem bereits bei KAUNA in Erscheinung getretenen Boris Koller waren der schwedische Drehleierspieler Göran Hallmarken und, wie schon vor zwei Jahren, Prof. Dr. Ulrich Mehler als Erzähler dabei. Auf einem Holzthron sitzend rezitierte der Literaturwissenschaftler mit sichtlicher Passion Passagen aus den alten Edda-Texten. Den Donnergott hatten POETA MAGICA in diesem Jahr zum Glück zuhause gelassen, doch auch ohne die Special-Effects-Untermalung wurde durch die Verbindung von Musik und Text eine im wahrsten Sinne des Wortes sagenhafte Atmosphäre heraufbeschworen. Ein weiterer Gänsehautmoment, und es sollte nicht der letzte an diesem Tag sein.

Poeta Magica

WinterstormFrei nach dem Monty Python Motto „...and now to something completely different“ waren im Anschluss dann aber erst einmal völlig andere Töne angesagt. Nun kam die Headbanger-Fraktion voll auf ihre Kosten, denn WINTERSTORM entfachten auf der Burgbühne ein wahres Gitarren-Gewitter. Die Power Metaller hatten 2011 den Rock-Nachwuchsaward gewonnen und waren bereits zum dritten Mal in Folge beim Festival zu Gast. Mit ihrer energiegeladenen Show und ihrer Mischung aus eingängigen Melodien und druckvoller Härte punkteten die Bayreuther auch in diesem Jahr nicht nur bei den Metal-Fans im Publikum, wie man an der guten Stimmung vor der Bühne ablesen konnte. Wie gesagt ganz anders als das unmittelbar zuvor Gesehene, aber das Festival Mediaval lebt ja bekanntlich auch von solchen Brüchen.

GarmarnaDie letzte Band des Abends entführte dann noch einmal in den hohen Norden. Für die Headlinerposition am längsten Festivaltag hatten die Organisatoren in diesem Jahr einen wahrhaft dicken Fisch an Land gezogen, denn mit GARMARNA war die Band angekündigt, die Anfang der 90er Jahre das skandinavische Folk-(Rock-)Revival erst eingeläutet hatte, und ohne die viele der heutigen Acts des Genres wohl undenkbar wären. Nach der Jahrtausendwende war es leider ruhig geworden um die Schweden. In Selb waren sie nun zum ersten Mal seit mehr als zwölf Jahren wieder live auf einer deutschen Bühne zu erleben und entsprechend hoch waren die Erwartungen. Um es kurz zu machen: sie wurden in keinster Weise enttäuscht. Die Gruppe um die zierliche, manchmal fast schüchtern wirkende Sängerin Emma Härdelin lieferte einen grandiosen Auftritt, der ohne Abstriche an die Bestform der vergangenen Tage anknüpfen konnte. Den musikalischen Energiewellen, die da von der Bühne rollten, konnte sich kaum jemand entziehen und das Publikum wurde ein ums andere Mal zu wahren Beifallsstürmen hingerissen. Angesichts dieser Begeisterung gab Gitarrist Gotte Ringqvist unumwunden zu, man wisse eigentlich gar nicht, warum man so lange nicht in Deutschland gespielt hätte. Und à propos Publikum: unter die Zuschauer hatten sich auch zahlreiche an diesem Wochenende auftretende Künstler gemischt. So fand ich mich in der Hälfte des Konzerts mitten in der Menge plötzlich in einem Pulk aus Mitgliedern von FAUN, EUZEN, OMNIA, GNY und DANDELION WINE wieder, die allesamt abrockten als gäbe es kein morgen. Da wurden Musiker wieder zu Fans! Auch Festival-Organisator Bläcky, der sich mit der Band selbst einen Herzenswunsch erfüllt hatte, tanzte völlig in der Musik versunken am rechten Rand der Bühne. Der Auftritt von GARMARNA war wirklich ganz großes Kino und wohl nicht nur in meinen Augen das absolute Highlight des Wochenendes! Bleibt zu wünschen, dass sich die Schweden nun nicht wieder so rar machen wie in den zwölf Jahren zuvor. Ein hoffnungsvolles Anzeichen gibt es dafür: neben den zahlreichen alten Hits hatte die Band nämlich auch zwei brandneue Stücke im Gepäck. Bei der Antwort auf die Frage, ob man ein neues Album erwarten dürfe, wollte sich Sängerin Emma jedoch noch nicht festlegen: „Wir wissen es noch nicht, aber es würde mit Sicherheit Spaß machen.“ - Uns auch!!

Garmarna

Nach diesem Höhepunkt konnte ich mich leider nicht mehr dazu entscheiden, noch einmal zur unteren Bühne zu pilgern, um der dortigen Session der Spielleute beizuwohnen. Möglicherweise ein Fehler, denn mit Musikern wie unter anderem MARKUS VAN LANGEN, der sogar extra dafür angereist war, Holger und Friederike Funke von POETA MAGICA, Naomi Henderson und Nicholas Albanis von DANDELION WINE und vielen anderen war das Impro-Konzert beileibe nicht schlecht besetzt. Berichte am nächsten Tag sprachen dann auch von guter Musik und einer super Stimmung. Schade, aber die Beteiligten und die geneigten Leser mögen mir verzeihen – nach dem Konzert von GARMARNA hätte für mich in diesem Moment jedwede andere Musik eine Entweihung bedeutet und ich wollte den Tag einfach mit diesen grandiosen Eindrücken beschließen.

 

Sonntag

 

Obscurus Orbis Mein persönlicher Sonntags-Auftakt war das Konzert der lettischen Gruppe OBSCURUS ORBIS. Die Band war ebenfalls Teil des Nordic Special 2013 und bediente in diesem Rahmen die Freunde der Marktmusik. Nicht wirklich einer meiner Favoriten, aber ein durchaus netter Start in den letzten Festivaltag. Sehenswert war in jedem Fall das Tier an der Trommel – bei den Muskelbergen krieg ja selbst ich Angst!

Eine definitive Neu-Entdeckung auf dem diesjährigen Festival Mediaval waren danach STRÖMKARLEN auf der Burgbühne. Das Ensemble benannte sich nach einem nordischen Wassergeist, der seine Opfer mit Fiedelspiel betört und dadurch zu sich in die Tiefe lockt. Der Name ist tatsächlich gut gewählt, denn das deutsch-schwedische Trio zog mit seiner Musik die Zuhörer auf sanfte aber unwiderstehliche Weise in seinen Bann. Wunderschöne Melodien aus skandinavischen und keltischen Gefilden, mehrstimmiger Gesang und ein charmanter Auftritt brachten STRÖMKARLEN beim Selber Publikum jede Menge Sympathiepunkte, wie man ganz klar am Applaus ablesen konnte. Einer der Höhepunkte am Sonntag!

StrömkarlenFür die anschließende Band hätte man dann wieder den oben bereits zitierten Monty-Python-Spruch anwenden können, denn mit Mittelalter hatte die Musik von BERLINSKIBEAT so gar nichts am Hut, auch wenn die Gruppe ausschließlich aus Mitgliedern von CORVUS CORAX besteht. „Im Mittelalter hätte man das, was wir machen als Musik der Zukunft bezeichnet“, meinte Sänger Castus dann auch grinsend zu Beginn des Auftritt. Die zu Anzugträgern mutierten Kolkraben zeigten nicht nur, dass Dudelsack hervorragend mit Trompete und Posaune harmonieren kann, mit ihrem absolut clubtauglichen Balkan-Sound brachten sie die Menge vor der Schlossbühne auch gehörig zum abhotten – da zuckte das Tanzbein ganz wie von selbst. Bei Festivalchef Bläcky führte Castus Ansage übrigens zu weitergehenden Überlegungen: „Musik der Zukunft, hmm, das könnten wir auf dem Programmplatz eigentlich in jedem Jahr als festes Motto einführen, dann kann ich da ja jede Band bringen, die ich will“, sinnierte er lachend am Abend im VIP-Zelt. Gar kein übler Plan, denn dass der Horizont des Mediaval-Publikums weit über Szene-Grenzen hinaus reicht, und auch genrefremde Musik bei den Zuschauern durchaus gut ankommt, hatten Tags zuvor ja auch schon Acts wie DANDELION WINE, EUZEN oder WINTERSTORM eindrucksvoll bewiesen.

BerlinskiBeat

WolfmareEine weitere wenig mittelalterliche Band stand dann im Anschluss auf dem Programm: WOLFMARE aus St. Petersburg waren noch einmal etwas für die Liebhaber härterer Klänge. Der Folkmetal der Russen riss mich allerdings nicht wirklich vom Hocker, da hat man definitiv schon besseres in dieser Richtung gehört. Sängerin und Geigerin Lena Chikulaeva setzte mit engen Jeans und einem bauchfreien Top mit tiefem Ausschnitt ganz klar auf das Motto „Sex sells“. Optisch mit Sicherheit ein echter Hinkucker, der Gesang der vollbusigen Dame war jedoch – um es diplomatisch zu formulieren – Geschmackssache.

CaraDie wohl größte positive Überraschung des Festivals waren für viele dann wohl CARA auf der Schlossbühne Dabei ist die deutsch-schottisch-irische Formation in der Folkszene schon lange keine unbekannte Größe mehr, ganz im Gegenteil: zahlreiche Auszeichnungen, sowohl der Band als auch einzelner Musiker, bei renommierten Awards und umjubelte Auftritte quer durch Europa und in den USA machen CARA zu einem der derzeit begehrtesten Folk-Acts überhaupt. Die Gruppe um die beiden charismatischen Frontfrauen Jeana Leslie und Gudrun Walther schaffte es dann auch bei ihrem Mediaval-Debut das Selber Publikum in kürzester Zeit aus der Reserve zu locken. Kollektiver Tanztaumel und frenetischer Beifall zeugten davon, dass CARA nicht nur für mich zu den absoluten Abräumern des Wochenendes zählten. Eine wunderbare Einstimmung aufs nächstjährige Irland-Schottland-Special und obwohl die Band eigentlich dafür bislang nicht auf dem Plan stand, könnte sie sich durch diesen Hammer-Auftritt vielleicht doch einen der dafür noch freien Plätze erspielt haben, zumindest deuten gewisse Aussagen im Festival-Forum in diese Richtung. Böse darüber wäre mit Sicherheit niemand!

ValravnNach der fröhlichen Folk-Party stand dann ein eher trauriger Moment an. Die dänische Folktronic-Formation VALRAVN, die das Publikum auf dem Goldberg bereits 2009 und 2010 bezaubert hatte, gab auf der Burgbühne das vorerst letzte Konzert in der Geschichte der Band. Kurze Rückblende: nachdem Ende 2011 bereits Martin Seeberg and Søren Hammerlund ausgestiegen waren, hatten die verbliebenen drei Musiker im letzten Jahr einen Neuanfang mit neuem Lineup versucht. Zusammen mit dem Cellisten Jonas Bleckman und dem Drehleiervirtuosen Anders Ådin begab sich die Band ins Studio, um ein neues Album einzuspielen. Kurz vor dessen Fertigstellung kam dann die Hiobsbotschaft vom Aus: Sängerin Anna Katrin Øssursdóttir Egilstrøð entschied sich aus persönlichen Gründen VALRAVN zu verlassen, kurz darauf erklärte auch Juan Pino seinen Ausstieg. Vom neuen Material wurden nur zwei Songs als Download veröffentlicht, die bereits geplante, ausgedehnte Tour wurde abgesagt und die Band entschied sich, lediglich einige wenige Abschiedskonzerte zu spielen, das allerletzte sollte nun also in Selb stattfinden. Aufgrund der verfahrenen Situation hatte sich jedoch Elektroniker Christopher Juul dazu entschieden, nicht mehr Teil dieser Auftritte zu sein sondern seine Parts nur als Konserve zur Verfügung zu stellen. So standen dann mit Anna Katrin und Juan nur noch zwei Mitglieder des Original-Lineups auf der Bühne. Die beiden, verstärkt vom dänischen String-Trio SIRENERNE, gaben sich redlich Mühe, schafften es aber leider nicht ganz, die Leere auf der Bühne zu verstecken. Auch war Anna Katrin anzumerken, dass sie stellenweise mit ihren Emotionen zu kämpfen hatte. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wurde das letzte Konzert von VALRAVN, das gleichzeitig auch das Abschlusskonzert des Nordic Special war, zu einem bewegenden Erlebnis und das Publikum bedachte die Band mit nicht enden wollendem Applaus. So mancher hatte da zum Ende Tränen in den Augen. Es ist natürlich schade, wenn sich eine derartige Ausnahmeband für immer von der Bühne verabschiedet, doch um es mit den Worten von Juan Pino zu sagen: „ein Ende ist immer auch ein neuer Anfang.“ Als wolle sie dies illustrieren hatte sich nämlich während des Konzerts eine kleine Raupe auf die Bühne verirrt, und Juan erinnerte die trauernden Fans daran, dass mit dem Ende der Raupe die Verwandlung zum Schmetterling folgt. Wir hoffen in Zukunft noch viel von diesen sympathischen Musikern zu hören und wer weiß, möglicherweise rauft sich die Band ja irgendwann auch wieder zusammen? Kommt Zeit, kommt Rat - auf ein Wiedersehen mit GARMARNA mussten wir schließlich ganze zwölf Jahre warten...

Valravn

Corvus Corax & WadokyoNach diesem emotionalen, wenn auch sehr melancholischen Höhepunkt war der Tag jedoch noch nicht zu ende. Als letztes Schmankerl hatten sich die Organisatoren noch einen veritablen Kracher aufgehoben. Beim ersten Mal 2008 hatten sie das Festival am Freitag eröffnet, nun kehrten CORVUS CORAX zurück auf den Goldberg, um die sechste Mediaval-Ausgabe zu beenden. Diesmal kamen die selbsternannten Könige der Spielleute jedoch nicht allein, sondern hatten mit WADOKYO gehörig Verstärkung im Gepäck. Das Düsseldorfer Percussion-Ensemble, das die alte japanische Kunst des Taiko-Trommelns zelebriert, war abgesehen vom Mediaval bislang erst ganze drei mal mit der Band live zu sehen, einmal beim Summer Breeze und zweimal beim Wacken Open Air. Bereits am Nachmittag hatten WADOKYO bei ihrem Soloauftritt die Massen vor die kleine Theaterbühne gezogen, so dass dort zeitweise kein Durchkommen mehr war. In Verbindung mit der Musik von CORVUS CORAX entfalteten sie jedoch noch einmal eine ganz eigene Energie. Die schiere Kraft von Dudelsäcken und Trommeln brachte den Platz vor der Schlossbühne noch einmal so richtig zum kochen. Ein würdiger Abschluss eines einmal mehr unglaublichen Wochenendes!

Corvus Corax

Mit dem Wort „unglaublich“ ist dann eigentlich auch schon alles gesagt, denn was soll man über dieses Festival noch schreiben? Die Schönheit des Goldberg-Geländes, die ganz besondere Atmosphäre, die fröhliche Durchmischung von Stars und Publikum abseits offizieller Autogrammstunden, die extrem nette Security, die Sauberkeit und den entspannten Umgang der Festivalbesucher miteinander – über all das haben wir uns in den letzten Jahren schon zur Genüge ausgelassen. Wer es immer noch nicht begriffen hat, dass hier jedes Jahr, immer am zweiten September-Wochenende, etwas ganz Besonderes stattfindet, dem ist eigentlich nicht mehr zu helfen.

Natürlich werden jetzt einige sagen, man hätte noch über einiges mehr berichten können, so etwa über die beiden Nachwuchsawards, die in diesem Jahr von SAITENWEISE (Kategorie Spielleute) und IMPIUS MUNDI (Kategorie Rock) gewonnen wurden, die verpassten Konzerte von SATOLSTELAMANDERFANZ und SAGAX FUROR oder die zahlreichen Artisten und Kleinkünstler wie etwa den ZIRKUS MEER oder die Shows von DE GREASES BUFFON THEATRE. Doch alle angebotenen Programmpunkte mitzunehmen ist auf dem Mediaval schlicht und einfach unmöglich, deshalb mögen uns die vorhandenen Lücken in diesem Bericht hoffentlich nachgesehen werden.

Bevor wir oft Gesagtes wiederkäuen oder uns über Verpasstes ärgern, freuen wir uns an dieser Stelle lieber schon aufs nächste Jahr. Hier ist bereits Großes angekündigt: zum einen wirft natürlich schon das nächste Special seine Schatten voraus. Wie bereits erwähnt wird der Fokus des Festivals 2014 auf keltischen Klängen und hier speziell der Musik aus Irland und Schottland liegen. Mit SAOR PATROL, IRISH-STEIRISCH, RAPALJE oder der mehrfach preisgekrönten irischen Sängerin und Geigerin NIAMH NI CHARRA stehen hier schon einige hochkarätige Acts fest, ganz zu schweigen vom angekündigten Headliner, mit dem den Organisatoren erneut ein ganz großer Coup geglückt ist. Hinter dem Namen THE DUBLIN LEGENDS verbirgt sich nämlich niemand anders als die legendären DUBLINERS!

Auf das Irland-/Schottland-Special 2014 - Sláinte!

Aber auch abseits des Specials werden wieder zahlreiche Stars der Mittelalter- und Folkszene auf dem Goldberg vertreten sein. Fans der eher rockigen Schiene dürfen sich auf SUBWAY TO SALLY freuen und – wie sollte es anders sein – auch OMNIA haben ihr Kommen bereits wieder angekündigt und werden dann ein neues Album im Gepäck haben. Doch damit nicht genug. Ein weiteres, ganz besonderes Highlight stellte Bläcky dann ganz zum Schluss noch in Aussicht: im nächsten Jahr wird auf den Teichen am Fuß des Goldbergs ein großes Piratenfloß schwimmen. Dort soll dann auch ein entsprechendes Konzert stattfinden, das, weil außerhalb des offiziellen Festivalgeländes gelegen, auch dem interessierten Selber Laufpublikum zugänglich sein wird.

Jede Menge Gründe für Mediaval-Fans also, dem nächsten Festival freudig entgegenzuhibbeln. In diesem Sinne – Metal-District freut sich auf ein Wiedersehen in Selb vom 12. - 14. September 2014!

 

Jede Menge Bilder vom Festival Mediaval 2013 findet Ihr wie immer in unserer Gallery.

Die Berichte aus den letzten Jahren findet Ihr hier:

2008

2009

2010

2011

2012

 

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Zu diesem Livebericht:

Autor:
redbeard

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Artikel eingestellt:
22.09.2013

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