MUMBLE RUMBLE - Tredici

MUMBLE RUMBLE - Tredici

MUMBLE RUMBLE, eine schon recht lang aktive Frauenband aus Italien, wurden mir mit ihrem dritten Album "Tredici", übersetzt "Dreizehn", als GRUNGE verkauft. Nun wäre das sicherlich eine einfache Sache geworden, aber dann kam das Anhören und die einfache Angelegenheit wurde schwierig.

Progressiverock, Hardrock, Independentrock, Postpunk, Alternativerock, Psychedelicrock, die Liste der hier vertretenen Elemente ist ebenso lang wie die Songs tiefsinnig sind. Die Atmosphäre kocht bei dieser Band, die Melodien sind packend, betörend und wild, voller Leidenschaft und ungezügelter Magie. Klanglich und spielerisch ist das Album eine top professionelle Angelegenheit und doch sehr locker und lebendig mit den richtigen Dynamiken und viel spiritueller Kraft.

Die Stücke sind charismatisch, ebenso die Musiker, insbesondere der Gesang. Die Damen haben ein unglaubliches Gespür für gigantische Melodien, die eine schwere, erdrückende Atmosphäre gleich dem alten 60er Psyche oder eine sinistere Unterkühltheit gleich dem Postpunk ab 1979 entwickeln. Eingängigkeit und Spiritualität beissen sich in diesem Fall nicht. Schon die ersten beiden Songs sind Killer, dann kommt "The right choice" mit seinem drogengeschwängerten 60s Psychedelicfeeling, wildesten Punkausbrüchen und düsterem, verspieltem Hardrock. Hier sind allenfalls Anklänge an Bands wie PEARL JAM, SOUNDGARDEN und dergleichen zu entdecken, kleine Schnörkel und Verzierungen, welche die großen Helden der 90er vorgeführt haben, aber ansonsten ist das hier eine eigenwillige, verrückte Rockmusik, weitab von Trends und Genredogmen, mit kommerziellem Potential, aber ohne direkte Ausrichtung auf Charterfolge.

Für engstirnige Truemetaller ist das hier sicher die Hölle, wer an diese Band nicht unter dem Gesichtspunkt METAL, sondern ROCK herangeht und auf gute Musik, denn auf Erfüllung von Klischees (derer es auch in der Rockmusik genügend gibt) aus ist, der lässt sich von den satten und meist hypnotischen Grooves, der Leidenschaft, mit welcher die Mädels ihre Stücke spielen, der brodelnden, feurigen Atmosphäre und dem Ideenreichtum, sowie den großartigen Melodien mitreißen.

Bei "Precious faces" sind in den flotteren Indierockpassagen schöne düstere Harmonien zu hören, sie haben auch kranke Synthesizer und herrlich freakige, schräge Postpunkgitarren, auf die selbst BAUHAUS stolz wären. Aber sind das wirklich Synthies? Sind das nicht durch Effektspielereien völlig spacig klingende Klampfen? Man kann es zuweilen kaum erkennen, aber es ist immer dieses Gefühl handgespielter Musik dabei. Das macht diese Platte aus. Handgespielte, ehrliche Rockmusik, an der nichts glattproduziert wurde, die nicht für den Massenkonsum geschliffen worden ist. Die Schräge der alten Gruftrock -, Postpunk - und Undergroundalternativebands wird hervorragend konserviert und dem Hörer mit einer unglaublichen Frische präsentiert.

Ich kann mich nicht an den spielerischen Kabinettstückchen satthören, an den bezaubernden Harmonien und Disharmonien, an diesen durchdringenden Läufen. Diese Band hier fickt fast alles, was sich momentan an pseudoalternativen Kommerzbands in der Szene tummelt. Der mainstreamige Postgrunge von einer Band wie NICKELBAG hat in all seiner uninspirierten Eintönigkeit gegen dieses wunderschöne Kleinod gar keine Chance, wird aber wohl eher von der tumben Charthörermasse aufgegriffen, weil deren Verständnis gar nicht so weit reichen könnte.

MUMBLE RUMBLE sollen auf jeden Fall so weitermachen, sich keine Grenzen aufzeigen oder sich vom Mainstream in die Knie zwingen lassen. Sie sind eine hoffnungsvolle neue Rockband, die dennoch die Wurzeln und klassischen Tugenden niemals verleugnet.

Richtig genial ist übrigens der siebte Song "Playtime". Ein wilder, tänzelnder Rhythmus, mystische Gesangsmelodien, wirbelnde Strukturen, die einen sofort in eine Trance versetzen und zum Mittanzen zwingen. Umher, umher, in immer schnelleren Drehungen, bis einem die Sinne schwinden. Man sinkt hinab zum Boden in den ruhigeren Momenten, obschon auch hier der Bass und das Schlagzeug nervöse Läufe spielen und die Atmosphäre bis zum Bersten gespannt und höllenheiß ist, allein durch das schwere Atmen der Sängerin. Irrwitz.

Ja, das hier ist Italiens weibliche Antwort auf alle großen Kultbands der alternativen Szene, von BAUHAUS bis SOUNDGARDEN. Fans abgefahrener, wunderschöner Rockmusik sollten sich nicht lumpen lassen.

01. Saved
02. Clematis
03. The Right Choice
04. Precious Faces
05. (On My) Skin
06. Rock Waltz
07. Playtime
08. Dedicata
09. Don't Cry
10. Global War
11. Respiro
12. Ora
13:Specie